Die Demokraten haben bei den Midterms einen deutlichen Sieg eingefahren und Präsident Donald Trump eine herbe Klatsche verpasst. Der Nahost-Experte Marcus Schneider sieht darin vor allem den Iran-Konflikt als einen der Hauptgründe. Gegenüber "20 Minuten" erklärt der Experte, warum die Wahlschlappe die Situation sogar noch gefährlicher machen könnte.
Schneider meint, Trump habe dreifach verloren: Sein "America first"-Versprechen wurde gebrochen, die Blockade der Straße von Hormus ließ die Ölpreise steigen und militärisch steht die Supermacht USA im Iran-Konflikt ziemlich schwach da. Der Iran ist international isoliert, trotzdem kommt Washington nicht weiter.
Schneider warnt gegenüber dem Schweizer Medium, dass die Lage kurzfristig noch gefährlicher werden könnte. Trump ist innenpolitisch angeschlagen und nach den Midterms eine "lame duck" – also ein Präsident mit wenig politischer Zukunft. "Er könnte die Flucht nach vorn antreten und mit einer Eskalation gegen den Iran von seiner Niederlage ablenken", so Schneider. Auch Netanjahu sitzt im selben Boot, nachdem er seine Mehrheit verloren hat. Beide könnten versucht sein, den Konflikt noch einmal zu verschärfen, bevor sich die Stimmung in den USA endgültig gegen Israels Kurs wendet. "Das macht die Lage so gefährlich." Schneider hält eine Eskalation für "sehr real".
Laut Schneider hat der Iran gezielt versucht, die politischen Kosten des Kriegs für Trump zu erhöhen. Die Blockade der Straße von Hormus war Teil dieser Taktik – und offenbar erfolgreich. "Iran bleibt ein Trauma für das politische Establishment in Amerika." Sollte Trump aus Rache weiter eskalieren, wären die Folgen laut Schneider "katastrophal" – für die Region, die Weltwirtschaft und den Iran selbst.
Für Israel könnte es der letzte Moment sein, mit einer noch wohlwollenden US-Regierung und republikanischer Mehrheit im Kongress gegen den Iran vorzugehen. Die Wahl markiert eine Zäsur. "Nie war der politische Widerstand gegen das Land in den USA stärker", sagt Schneider. Die Sympathien für Israel sind auf einem historischen Tiefpunkt, die Unterstützung für die Palästinenser nimmt zu.
Auch der jahrzehntelange Konsens zugunsten Israels bröckelt. Immer mehr Demokraten, die den Krieg in Gaza als Völkermord und die Unterdrückung der Palästinenser als Apartheid bezeichnen, ziehen in den Kongress ein. Aber auch in der MAGA-Bewegung wächst die Skepsis, sich für israelische Kriegsziele einspannen zu lassen. "Eine künftige israelische Führung wird wieder politisch und nicht nur militärisch denken müssen", so Schneider. Ohne die bedingungslose Unterstützung der USA müsse Israel stärker auf Ausgleich in der Region setzen. "Die Zweistaatenlösung ist damit ein ganz klein wenig nähergerückt."
Auch für die Golfstaaten eröffnet das Ergebnis die Aussicht auf eine Zeit nach Trump. Schneider kritisiert, dass diese Länder politisch und wirtschaftlich stark auf Trump gesetzt haben – mit fatalen Folgen für ihr Sicherheitsmodell. Kurzfristig droht aber das Gegenteil: Sollten Trump und Netanjahu den Konflikt erneut eskalieren, geraten die Golfstaaten direkt ins Visier iranischer Vergeltung. "Energieinfrastruktur, Flughäfen, Entsalzungsanlagen – das wäre ein Untergangsszenario."
Laut Schneider ist auch eine Abkehr vom Krieg nicht ausgeschlossen. Innerhalb der MAGA-Bewegung könnten sich Stimmen durchsetzen, die den Konflikt als Fehler sehen. Trump könnte zudem versuchen, Sündenböcke für seine Entscheidungen zu finden. Auch ein Machtwechsel in Israel wäre denkbar, falls die Opposition Netanjahu stürzt. Dafür müssten sich jüdische und arabische Parteien zusammenraufen. "Das Netanjahu-Lager wird alles versuchen, um eine Zusammenarbeit mit Arabern als Verrat darzustellen", sagt Schneider. Ein neuer Krieg mit dem Iran würde eine solche innenpolitische Radikalisierung zusätzlich anheizen.