Ein prominenter Abgang aus der Ukraine sorgt jetzt auch in Österreich für Aufsehen. Ruslan Kravchenko war bis vor Kurzem Generalstaatsanwalt der Ukraine und damit einer der mächtigsten Strafverfolger des Landes. Nun soll sich der frühere Spitzenbeamte in Wien niedergelassen haben.
Recherchen der "Ukrainska Pravda" zufolge scheinen Kravchenko und seine Frau mittlerweile im Zentralen Melderegister auf. Als Hauptwohnsitz soll bei beiden eine Adresse in der Wiener Innenstadt eingetragen sein. Doch genau diese Adresse wirft Fragen auf.
Denn bei der angegebenen Adresse in der Jordangasse im 1. Bezirk soll es sich laut der Recherche nicht um eine gewöhnliche Wohnung handeln. Unter der betreffenden Türnummer befindet sich demnach das Büro einer Firma, die unter anderem Geschäftsadressen für Unternehmen, Sekretariats- und Verwaltungsleistungen sowie bereits gegründete Gesellschaften zum Verkauf anbietet.
An der Adresse sind laut "Ukrainska Pravda" zahlreiche Unternehmen registriert. Ob Kravchenko tatsächlich dort wohnt, ist daher unklar. Die ukrainische Zeitung vermutet, dass die Adresse dazu dienen könnte, seinen tatsächlichen Aufenthaltsort nicht öffentlich werden zu lassen. Belegt ist diese Vermutung bisher nicht.
Auch die Umstände seiner Ausreise beschäftigen mittlerweile die ukrainischen Behörden. Kravchenko verließ die Ukraine am 14. September. Laut "Ukrainska Pravda" passierte er in der Nacht in einem Mercedes der V-Klasse die Grenze nach Polen. Grundlage seiner Ausreise war demnach eine Dienstreise.
Nach Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft läuft mittlerweile eine interne Untersuchung. Dabei soll geklärt werden, ob bei der Organisation und Durchführung der Dienstreise alle Vorschriften eingehalten wurden. Kravchenko kehrte jedenfalls nicht in die Ukraine zurück.
Besonders brisant ist der Fall wegen des Konflikts zwischen Kravchenko und den mächtigen ukrainischen Antikorruptionsbehörden NABU und SAPO.
Nur wenige Stunden vor seiner Ausreise soll Kravchenko einen Verdacht gegen NABU-Chef Semen Kryvonos unterzeichnet haben. Die "Ukrainska Pravda" sieht darin einen möglichen Vorteil für Kravchenko: Sollte später selbst gegen ihn vorgegangen werden, könnte er argumentieren, die Ermittlungen seien eine Reaktion auf sein Vorgehen gegen den NABU-Chef.
Dabei handelt es sich allerdings um eine Einschätzung der ukrainischen Zeitung und nicht um eine gerichtlich festgestellte Tatsache.
Dass die Spur ausgerechnet nach Österreich führt, sorgt in der Ukraine zusätzlich für Diskussionen. Kravchenko wäre nicht der erste prominente ukrainische Ex-Funktionär, der sich in Wien aufhält. Auch andere frühere Spitzenpolitiker und Beamte, gegen die in ihrer Heimat Verfahren oder Vorwürfe bestehen, sind in den vergangenen Jahren nach Österreich gekommen.
Die "Ukrainska Pravda" stellt deshalb auch einen Zusammenhang mit möglichen Auslieferungsverfahren her. Ob gegen Kravchenko überhaupt ein entsprechendes Verfahren in Österreich eingeleitet wird oder die Ukraine seine Auslieferung verlangen wird, ist derzeit jedoch offen.