Lange rätselte die Medizin über den Auslöser der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS). Jetzt liefert eine neue Studie der Universität Zürich (Schweiz) eine zentrale Erklärung: MS entsteht offenbar nur dann, wenn das Epstein-Barr-Virus (EBV) und eine genetische Veranlagung gemeinsam auftreten.
Das Epstein-Barr-Virus (EBV) gehört zur Familie der Herpesviren und ist weltweit einer der häufigsten Erreger beim Menschen. Über 90 % der Erwachsenen weltweit sind mit EBV infiziert. Einmal infiziert, bleibt das Virus lebenslang im Körper. Das Virus wird primär über Speichel übertragen, weshalb die durch EBV ausgelöste Erkrankung oft als "Kusskrankheit" bezeichnet wird. Das Epstein-Barr-Virus ist eng mit der Entstehung des Pfeifferschen Drüsenfiebers verbunden Es gibt keine spezifische antivirale Therapie gegen EBV. Die Behandlung ist symptomatisch.
Seit Jahren ist bekannt, dass praktisch alle MS-Betroffenen das Epstein-Barr-Virus in sich tragen – den Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Doch das allein kann die Krankheit nicht erklären: Rund 95 Prozent der Bevölkerung infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit EBV, an MS erkrankt allerdings nur ein kleiner Teil – in der Schweiz etwa 18.000 Menschen.
MS ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem Gehirn und Rückenmark angreift. Der Verlauf ist sehr unterschiedlich, weshalb sie auch die "Die Krankheit mit den 1000 Gesichtern" genannt wird: Von Sehstörungen und Gefühlsverlust über Lähmungen bis hin zu extremer Erschöpfung (Fatigue) sind die Symptome vielfältig. Besonders hoch ist das Risiko, wenn die EBV-Infektion erst im Jugendalter auftritt und als Pfeiffersches Drüsenfieber ausbricht – doch auch dann erkranken längst nicht alle.
Die Zürcher Forscher konnten nun zeigen: Zusätzlich zum Virus braucht es einen genetischen Risikofaktor, den sogenannten HLA-DR15-Haplotyp. Erst diese Kombination kann eine fatale Fehlreaktion des Immunsystems auslösen. Dabei richten sich eigentlich schützende Immunzellen nicht nur gegen das Virus, sondern greifen auch Myelin an – jene schützende Hülle, die die Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark umgibt.
Eine weitere Studie der Universität und des Universitätsspitals Basel liefert zusätzliche Hinweise: Ein bestimmtes EBV-Protein namens LMP1 verhindert, dass fehlgeleitete Immunzellen im Gehirn absterben. Normalerweise würden solche B-Zellen, die körpereigenes Gewebe angreifen, durch einen programmierten Zelltod eliminiert. Das Virusprotein kann diesen Mechanismus jedoch blockieren – wie Versuche an Mäusen zeigten.
Die Erkenntnisse nähren auch die Hoffnung auf neue Therapien. Mehrere Forschungsgruppen und Unternehmen arbeiten bereits an Impfstoffen gegen das Epstein-Barr-Virus. Denn EBV wird nicht nur mit MS in Verbindung gebracht, sondern auch mit anderen Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis, Lupus, bestimmten Krebsarten – und auch mit ME/CFS (Chronic Fatigue Syndrom).