In Serbien beginnt eine neue politische Ära. Nach mehr als einem Jahrzehnt an der Macht musste Aleksandar Vučić eine historische Wahlniederlage eingestehen. Eine von Studenten angeführte Protestbewegung hat bei der Parlamentswahl einen Erdrutschsieg eingefahren.
Zehntausende Menschen feierten in der Nacht auf Montag auf den Straßen von Belgrad und anderen Städten. Doch der Jubel wird von einer entscheidenden Frage überschattet: Wer soll das Land künftig regieren?
Nach Auszählung von knapp 99 Prozent der Stimmen kommt die von Studenten unterstützte Liste auf 52,7 Prozent. Das Bündnis rund um Vučićs Serbische Fortschrittspartei (SNS) erreicht lediglich 39,2 Prozent. Damit sichern sich die Studenten 139 der insgesamt 250 Parlamentssitze. Auf das bisherige Regierungslager entfallen 97 Mandate, die restlichen Sitze gehen an Minderheitenparteien.
Für Vucic, der seit 2014 als Ministerpräsident oder Präsident die serbische Politik dominierte, bedeutet das eine historische Niederlage. Noch am Sonntagabend gestand er seine Wahlschlappe ein.
"Ich dachte, es sei unglaublich. Ich kann es noch immer nicht glauben", sagte die Universitätsmitarbeiterin Marijana Radovanovic Pajovic. Vučić habe die Menschen viel zu lange unter Druck gesetzt.
Ausgangspunkt des politischen Umsturzes war eine Katastrophe in der nordserbischen Stadt Novi Sad. Beim Einsturz eines Bahnhofsvordachs kamen 16 Menschen ums Leben. Der Vorfall löste massive Proteste gegen Korruption und die Regierung aus.
Zwei Jahre lang gingen Studenten und andere Regierungsgegner immer wieder auf die Straße. Ihre Forderungen: ein Ende der Korruption, bessere Bildung und ein politischer Neuanfang.
Jetzt haben sie erreicht, was lange unmöglich schien. Doch ausgerechnet die Struktur, die ihre Bewegung so erfolgreich machte, könnte nun zum Problem werden.
Die Studentenbewegung verzichtete während der Proteste bewusst auf eine zentrale Führung. Damit wollte sie verhindern, dass die Regierung einzelne Köpfe gezielt angreifen und diskreditieren konnte. Nach dem Wahlsieg fehlt nun allerdings eine klare Antwort auf die Frage, wer die Regierung führen soll.
Unter den gewählten Kandidaten befinden sich Universitätsprofessoren, Schauspieler und Landwirte. Als mögliche Schlüsselfiguren gelten der Kardiologe Ilija Srdanovic, der die Kandidatenliste anführte, der frühere Notenbankchef Dejan Soskic sowie der Belgrader Universitätsprofessor Radomir Sajcic.
Wer tatsächlich Ministerpräsident wird und die wichtigsten Regierungsämter übernimmt, ist völlig offen. Laut Verfassung bleiben nach der Konstituierung des Parlaments bis zu 90 Tage Zeit für die Regierungsbildung.
Während viele Menschen den Wahlsieg als Befreiung feiern, gibt es auch Skepsis. "Das Land so plötzlich und auf einmal zu verändern, gefällt mir nicht. Ich weiß nicht einmal, wer hinter diesen Menschen steht und wer das Land führen wird", sagte die 60-jährige Senka Radakovic.
Andere hoffen auf einen grundlegenden Wandel. "Diese Korruption ist in alle Bereiche unseres Lebens eingedrungen", erklärte die Versicherungsangestellte Svetlana Karagkozidou (60). Sie hoffe, dass Serbien nun langsam zu einer normalen Gesellschaft zurückfinden könne.
Vučić und seine Partei hatten Vorwürfe der Korruption und Unterdrückung stets zurückgewiesen.
Wie tief der politische Umbruch geht, zeigte sich am Montag auch mitten in Belgrad. Anhänger der Studentenbewegung begannen damit, einen Park nahe dem Parlament aufzuräumen, den Vučić-Unterstützer über lange Zeit als Protestlager genutzt hatten.
Sie entfernten Metallabsperrungen und Zelte und reinigten Spielgeräte von Aufklebern. "Ich glaube, das ist einer der schönsten Parks Belgrads. Sie haben ihn uns für ein Jahr oder eineinhalb Jahre weggenommen", sagte der freiwillige Helfer Filip Beselinovic. Der Machtwechsel ist damit auf den Straßen bereits sichtbar. Wer künftig im Regierungssitz das Sagen hat, muss sich allerdings erst zeigen.