Dem Verfassungsschutz in Wien gelang nun ein Schlag gegen ein internationales Beschaffungsnetzwerk. Im Zentrum der Ermittlungen der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) steht ein Unternehmen mit Sitz in Wien. Über die Firma sollen Spezialteile für die russische Rüstungsindustrie beschafft worden sein. Die mutmaßlichen Lieferwege führten über Firmen in insgesamt acht Staaten, Drehscheibe war die Firma in Wien.
Nach Angaben der DSN wurde das Unternehmen gezielt gegründet, um sanktionierte Waren nach Russland zu liefern. Dabei ging es insbesondere um CNC-Maschinen und Spezialwerkzeuge für die Metallverarbeitung. Um Lieferwege zu verschleiern, sollen die Beschuldigten ein internationales Firmennetzwerk genutzt haben. Unternehmen in der Türkei, den Emiraten, Hongkong, Belarus, Kirgisistan, Südkorea, Polen und Litauen sollen dabei laut Innenministerium eine Rolle gespielt haben.
Laut Ermittlern wurden europäischen Herstellern mit gefälschten Erklärungen zum Endverbleib falsche Tatsachen vorgespielt. Demnach sollten die Waren angeblich in Drittstaaten bleiben. Tatsächlich seien die Lieferungen aber für Unternehmen bestimmt gewesen, die dem russischen Staatskonzern Rostec zuzuordnen sind.
Die Teile wurden nach bisherigem Ermittlungsstand unter anderem für die Herstellung von Triebwerken für Marschflugkörper und Kampfflugzeuge sowie für militärische Ausrüstung verwendet.
Bereits am 20. August 2025 wurden auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Wien gleichzeitig vier Objekte durchsucht. Unterstützt wurde die Aktion von der WEGA und dem Wiener Landesamt für Staatsschutz und Extremismusbekämpfung. Rund 40 Datenträger wurden sichergestellt.
Bei deren Auswertung stellte sich laut DSN heraus, dass bereits seit 2019 Industriegüter für russische Militärfirmen beschafft worden sein sollen. Nach der Verschärfung der Sanktionen seien die Lieferketten über Drittstaaten, insbesondere Hongkong und die Türkei, abgewickelt worden.
Seit 2022 konnten laut den Ermittlern Lieferungen im Gesamtwert von mehr als 3,3 Millionen Euro an russische Rüstungsunternehmen nachgewiesen werden. Der in Österreich erzielte Umsatz lag bei mehr als 700.000 Euro.
Weil sich Hinweise ergaben, dass die Beschuldigten ihre Aktivitäten fortsetzen wollten, ordnete die Staatsanwaltschaft Wien die Festnahme des Hauptverdächtigen an. Am 13. Mai 2026 wurde schließlich der 28-jährige Geschäftsführer und Miteigentümer der Wiener Firma festgenommen. Der Mann ist belarussischer Staatsbürger. Gleichzeitig stellten die Ermittler sanktionierte CNC-Maschinen und Spezialwerkzeuge im Wert von rund 140.000 Euro sicher.
"Dieser Fall zeigt, mit welchem Aufwand internationale Netzwerke versuchen, bestehende Sanktionen zu umgehen", so DSN-Direktorin Sylvia Mayer. Der Verfassungsschutz arbeite gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern daran, solche Strukturen frühzeitig zu erkennen und zu zerschlagen.
Staatssekretär Jörg Leichtfried spricht von einer "ernsthaften Bedrohung für unseren demokratischen Rechtsstaat". Dass hochpräzise europäische Technologie über Umwege in die Produktion von russischen Marschflugkörpern und Flugabwehrsystemen fließe, sei "inakzeptabel".