Plötzlich funktioniert es nicht mehr und mit der Erektion verschwindet auch das Selbstbewusstsein. Für viele Männer ein Schock, über den sie lieber schweigen, anstatt sich Hilfe zu holen.
Dabei beginnt genau da der Fehler, sagt Urologe Kurt Miller von Everyman Health. Erektionsprobleme seien oft ein Warnsignal, körperlich wie seelisch. Je früher man hinschaue, desto besser lässt sich gegensteuern.
Herr Miller, ab wann treten bei Männern vermehrt sexuelle Dysfunktionen auf?
Erektionsprobleme können in jedem Alter auftreten, nehmen aber ab dem 40. Lebensjahr zu. In den letzten Jahren sind zunehmend auch jüngere Männer betroffen.
Woran liegt das?
Leistungsdruck, digitale Überstimulation oder ein verändertes Verhältnis zu Sexualität – geprägt von Social Media und Pornokonsum. Viele vergleichen sich unbewusst mit unrealistischen Bildern von Männlichkeit, was zusätzlichen Druck erzeugt.
Bei älteren Männern überwiegen körperliche Ursachen wie eine nachlassende Durchblutung oder hormonelle Veränderungen. Auch Stress, ein ungesunder Lebensstil, Erschöpfung, Schlafmangel oder übermäßiger Alkoholkonsum können die Potenz beeinträchtigen.
Welche Potenzprobleme beobachten Sie am häufigsten?
Erektionsprobleme und vorzeitiger Samenerguss – zwei Themen, die oft miteinander verbunden sind. Häufig führt eine Erektionsschwäche zu erhöhter Anspannung, wodurch der Samenerguss noch schwerer kontrollierbar wird. Umgekehrt kann die Angst vor einem zu frühen Orgasmus die Erektion destabilisieren.
Können auch Krankheiten dahinterstecken?
Der Penis wird oft als "Antenne des Herzens" bezeichnet. Die Blutgefäße im Penis sind denen im Herzen sehr ähnlich – entsprechend können Erektionsprobleme ein Warnsignal für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes oder hormonelle Veränderungen sein.
Aber auch psychische Faktoren wie Stress, Depression oder Beziehungsprobleme spielen eine Rolle. Das Wichtigste ist eine zeitnahe und ganzheitliche Abklärung.
Sprechen Männer offen mit Ihnen über ihre Probleme?
Den meisten fällt es extrem schwer. Im Durchschnitt vergehen rund zweieinhalb Jahre, bis Männer sich überwinden, ärztliche Hilfe zu suchen. Scham, Unsicherheit oder die Angst, dass da mehr dahinterstecken könnte, halten viele zurück.
Liegt es daran, dass es Männern generell schwerer fällt, über emotionale Themen zu reden?
Ja. Viele Männer haben früh gelernt, Gefühle oder Verletzlichkeit nicht zu zeigen – besonders, wenn es um Sexualität geht. Auch wenn sich das gesellschaftliche Bild von Männlichkeit wandelt und Kampagnen wie Movember das Bewusstsein fördern, steckt tief verankert noch immer die Vorstellung, dass Mann funktionieren muss. In meiner Erfahrung hilft es, wenn Männer einen geschützten, wertungsfreien Raum bekommen.
Movember ist eine jährliche Aktion im November, die auf Männergesundheitsthemen wie Prostatakrebs, Hodenkrebs, psychische Gesundheit und Suizidprävention aufmerksam macht. Ziel ist es, Tabus zu brechen, das Bewusstsein für Männergesundheit zu schärfen und Spenden für Forschung und Aufklärung zu sammeln.
Was kann Schweigen in solch einem Fall für Folgen haben?
Es belastet oft die Partnerschaft sowie das eigene Wohlbefinden, wodurch sich das Problem weiter verhärtet. Umso wichtiger ist es, frühzeitig das Gespräch zu suchen. Diskrete, digitale Angebote, wie bei Everyman Health, helfen dabei, die Hemmschwelle zu senken.
Reden allein hilft vermutlich aber nicht immer?
Nein, das löst oft nicht das Problem. Wir empfehlen betroffenen Männern, so früh wie möglich eine funktionierende medizinische Behandlung – etwa mit Potenzmitteln – zu beginnen, mit der sie das Problem schnell und wirksam lösen können.
Werden kurzfristig Verbesserungen erzielt, schlagen psychologische Methoden besser an und ermöglichen es dem Patienten, das Problem langfristig in den Griff zu bekommen und die medikamentöse Behandlung wieder abzusetzen. Dieser sogenannte duale Therapieansatz gilt heute als Best Practice.
Bevor es so weit kommt – gibt es Maßnahmen, die Erektionsproblemen vorbeugen?
Ein gesunder Lebensstil. Entscheidend ist die Kombination ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung und ausreichender Erholung. Wer auf Nikotin verzichtet, Alkohol nur in Maßen konsumiert und Stress aktiv abbaut, tut viel für seine Potenz. Auch eine offene Kommunikation in der Partnerschaft kann helfen, psychischen Druck zu reduzieren.
Und im höheren Alter? Kann man da noch gezielt etwas für seine Potenz tun?
Absolut. Sexualität ist keine Frage des Alters. Auch Männer über 70 können mit einem gesunden Lebensstil und gegebenenfalls medikamentöser Unterstützung ihre Potenz erhalten oder verbessern. Entscheidend ist, die Ursache der Beschwerden abklären zu lassen.
Wann ist der Einsatz von Mitteln wie Viagra sinnvoll?
Bei den meisten Männern mit einer nachgewiesenen erektilen Dysfunktion ist dies die erste Therapie der Wahl. Diese Mittel verbessern die Durchblutung und können durch die Verbesserung der Erektion auch psychische Blockaden lösen. Gleichzeitig sind Lebensstilveränderungen sowie eine psychische Unterstützung für eine nachhaltige Verbesserung wichtig. Das gesamte Bündel der Maßnahmen sollte ärztlich eingeleitet und überwacht werden.
Und wovon ist dringend abzuraten?
Von Präparaten aus dem Internet oder sogenannten "natürlichen Potenzmitteln" unbekannter Herkunft. Sie enthalten häufig nicht deklarierte oder falsch dosierte Wirkstoffe und können ernsthafte gesundheitliche Risiken bergen.