Avi (23) aus Wien schaut in ihren Kalender. Ein Termin ist eingetragen – aber sie weiß nicht mehr, wer ihn ausgemacht hat. In ihrem Körper leben 35 Persönlichkeiten. Der jüngste Anteil ist vier Jahre alt, der älteste etwa 30. 2021 wurde bei ihr eine dissoziative Identitätsstörung (DIS) diagnostiziert.
"In mir gibt es nicht nur ein Ich", sagt sie. Statt einer durchgehenden Identität übernehmen unterschiedliche Anteile die Kontrolle. Wer gerade "vorne" ist – also spricht, schreibt oder entscheidet –, passiere unbewusst. "Ich kann das nicht steuern. Es passiert einfach."
Manchmal liest sie Nachrichten am Handy und merkt: Die Antwort war freundlich, aber sie fühlt sich nicht nach ihr an. Ein anderer Anteil war "vorne". Gespräche können geführt worden sein, an die sie sich später nicht erinnert. "Man weiß oft nicht mehr genau, was war", sagt Avi.
Ein vierjähriger Anteil reagiert anders als ein erwachsener. Bedürfnisse, Sprache, Haltung – das kann sich ändern. Nach außen fällt das meist nicht auf. "Im Alltag merkt man uns das nicht an." Innerlich sei der Unterschied aber deutlich spürbar.
Eine ihrer Persönlichkeiten führt eine Beziehung. Ihr Partner wusste von Anfang an Bescheid und habe "volles Verständnis". Doch auch für ihn bedeutet das Anpassung. Mit manchen Anteilen komme er leichter zurecht als mit anderen.
Nur ein bestimmter Anteil ist seine Partnerin. Andere Anteile reagieren neutraler oder distanzierter. Das verlange viel Kommunikation. "Manche haben gesagt: 'Ich glaube dir nicht.'" Auch im Umfeld erlebt sie Skepsis – besonders, wenn Menschen sich die Erkrankung nicht vorstellen können.
Damit im Alltag nichts verloren geht, führt Avi einen genauen Kalender. Termine, Absprachen, wichtige Details werden notiert. "Ich schreibe mir alles auf, weil ich mich nicht immer auf mein Gedächtnis verlassen kann." Ohne diese Struktur würde vieles verschwimmen.
Bestimmte Trigger wie Gerüche oder Situationen können einen Wechsel auslösen. "Ich kann das nicht bewusst beeinflussen." Die Diagnose 2021 habe vieles erklärt. Fachleute sehen DIS als Schutzmechanismus nach schweren traumatischen Erfahrungen in früher Kindheit. Auch Avi berichtet von sehr belastenden Erlebnissen.
Auf TikTok und Instagram spricht sie offen über DIS. Sie will zeigen, dass die Erkrankung existiert – und dass Betroffene mitten im Leben stehen. "Wir sind ganz normale Menschen", sagt sie. Genau das möchte sie vermitteln.