Die Causa Weißmann wird zur Schlammschlacht auf dem Küniglberg. Wie der politische Stiftungsrat in dieser schweren Zeit agiert, sorgt für Entsetzen unter den ORF-Mitarbeitern. Der Redaktionsausschuss sieht den Rundfunk in einer "schweren Krise" und spricht der Spitze des Gremiums knallhart das Misstrauen aus.
Denn: Die Funktionen des Vorsitzenden Heinz Lederer und Stellvertreter Gregor Schütze als Leiter des SPÖ- bzw. ÖVP-Freundeskreises seien "nicht vereinbar mit einer unabhängigen Führung des gesamten Gremiums". Zusätzlich scharfe Kritik gibt es auch an der "problematischen" Rolle der FPÖ-Stiftungsräte Peter Westenthaler und Thomas Prantner. Diese würden immer wieder die Arbeit der ORF-Journalisten diffamieren.
Aus deren Mitte meldet sich am frühen Donnerstagnachmittag ZiB-Star Stefan Lenglinger "in eigener Sache" zu Wort. In seinem "vielleicht schwierigsten Video" nimmt er zum Skandal am Küniglberg persönlich Stellung: "Wenn man Journalist ist, dann kann man nicht immer kritisch gegenüber allen anderen sein, aber schweigen, wenn es mal Schwierigkeiten im eigenen Arbeitsumfeld gibt."
Er will die ORF-Affäre, die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den früheren Generaldirektor Roland Weißmann, deshalb transparent machen und im Detail aufarbeiten – "mit einer Abwägung und einem ganz dringenden Appell, wie man den Rundfunk verbessern kann." Denn im Herbst will die Regierung bereits über eine Reform verhandeln.
Lenglinger fordert selbst eine Entpolitisierung des Senders: "Dass der Einfluss der Parteipolitik zu groß ist, das ist in den vergangenen Wochen evident geworden. Und ja, die Sache ist problematisch."
Dennoch habe die Redaktion zeigen können, dass der Journalismus im ORF weiter kritisch und mit Distanz funktioniere, sagt der bekannte Moderator. Dabei verweist er auf ein etwa zehn Minuten langes Erklärstück, das er über den Skandal im eigenen Haus produziert hat. Das ist seither auch auf YouTube abrufbar:
Dass der ORF sich nun intensiv mit der Affäre beschäftigen und diese transparent aufarbeiten müsse, gehöre für ihn und seine Kollegen zum öffentlich-rechtlichen Verständnis dazu. "Denn am Ende sind das relevante Informationen für alle, die die ORF-Gebühren bezahlen müssen", so Lenglinger. "Deshalb ist das der Versuch, aus der 'Zeit im Bild'-Redaktion heraus, einen Einblick zu geben."
Der 33-Jährige dröselt darin die Causa von Beginn weg auf. Knapp die Hälfe der Sendezeit widmet sich den Vorwürfen gegen Roland Weißmann und dem politischen Einfluss auf den Stiftungsrat, sowie Lobbying und Interventionsversuche.
Auch die Funktion des Redaktionsrates erklärt Lenglinger: "Dieser Rat besteht aus Menschen, die, so wie ich, an journalistischen Inhalten hier arbeiten und als ORF-Redakteure dann auch gewisse Rechte haben, die man ab und an über den Redaktionsrat auch verteidigen muss." Dazu zähle auch die Freiheit der Berichterstattung: "Niemand kann einem Reporter wie mir, wie ich eine gewisse Geschichte zu erzählen habe. Das ist wichtig, zu betonen. Denn ja, es kommt vor, dass Politikerinnen und Politiker anrufen, wenn ihnen die Berichterstattung mal nicht gefallen sollte."
Das Aussprechen des Misstrauens gegen die vier Stiftungsräte habe keine unmittelbaren Konsequenzen. "Wir als Reporter können nicht den Aufsichtsrat des Unternehmens feuern." Die vier Genannten könnten formell nur selbst zurücktreten, betont der ZiB-Anchorman. Er ist sich aber sicher: "Die Wirkung ist dennoch da." Die Resolution des Redakteursrats als Vertretung von rund 1.000 Mitarbeitern erzeuge Druck.
Lenglinger hofft, dass die versprochene Entpolitisierung der ORF-Aufsichtsgremien endlich umgesetzt und die Unabhängigkeit des ORF gestärkt wird. Seine Ansage zum Abschluss: Natürlich wäre es einfacher, wenn die Arbeit für sich stehen könnte, anstelle der ständigen Konfrontation mit dem Medien- und Politiksystem in Österreich. Aber das ist nun mal notwendig und wir machen unbeirrt weiter."