Der Winter hat noch gar nicht richtig begonnen, doch in rund 26 Kilometern Höhe bahnt sich bereits eine außergewöhnliche Entwicklung an. Der stratosphärische Polarwirbel könnte Anfang November so stark geschwächt werden wie noch nie zuvor zu dieser Jahreszeit. Das zeigen aktuelle Wettermodelle, die Meteorologe Fabian Ruhnau von Kachelmannwetter analysiert hat.
"Wir sehen wirklich Ungewöhnliches für Anfang November beim stratosphärischen Polarwirbel", erklärt Ruhnau in einer aktuellen Wetteranalyse. Die Entwicklung könnte sogar einen historischen Rekord bringen.
Normalerweise befindet sich der Polarwirbel Ende Oktober und Anfang November erst im Aufbau. Mit den sinkenden Temperaturen verstärken sich die Westwinde in der Stratosphäre, der Wirbel gewinnt bis Dezember zunehmend an Stärke.
Doch heuer könnte alles anders kommen. Laut Ruhnau berechnen die Wettermodelle bereits für den 4. November die Entstehung eines Hochdruckgebiets in der Stratosphäre. Dieses könnte den Polarwirbel massiv stören und die vorherrschenden Westwinde weit nach Süden verdrängen.
"Das bedeutet, dass es zu einer sehr, sehr starken und vor allem frühen Störung des stratosphärischen Polarwirbels kommt", so der Meteorologe von Kachelmannwetter.
Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Solche Störungen kommen im Winter zwar immer wieder vor, im Durchschnitt etwa alle zwei Jahre. Doch eine derart frühe Entwicklung wurde laut Ruhnau seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1950er-Jahren noch nicht beobachtet.
Die aktuellen Berechnungen deuten darauf hin, dass die Westwinde in rund 26 Kilometern Höhe innerhalb kurzer Zeit massiv an Geschwindigkeit verlieren könnten. Einige Modellläufe lassen sogar eine vollständige Umkehr der Windrichtung möglich erscheinen.
Genau darauf schauen die Meteorologen derzeit besonders genau. Sollte es tatsächlich zu einer sogenannten Zonalwindumkehr kommen, wäre ein entscheidendes Kriterium für ein sogenanntes "Major Warming" erfüllt. Dabei handelt es sich um eine außergewöhnlich starke Erwärmung und Störung des stratosphärischen Polarwirbels.
"Alle Vorhersagen deuten darauf hin, dass wir in der nächsten Woche einen so schwachen stratosphärischen Polarwirbel erleben beziehungsweise sehen werden in den Wetterkarten, wie es seit Aufzeichnungsbeginn in den 1950er-Jahren noch nicht gegeben hat", betont Ruhnau. Ob der Polarwirbel tatsächlich vollständig zusammenbricht, ist allerdings noch offen.
Sollte es zu einem Major Warming kommen, wäre das laut Kachelmannwetter das früheste derartige Ereignis seit Beginn der Aufzeichnungen. Der bisherige Rekord liegt Ende November. Ein neuer Rekord könnte somit rund drei Wochen früher eintreten.
Die entscheidende Frage für Österreich und Mitteleuropa lautet: Bedeutet diese außergewöhnliche Entwicklung, dass uns ein besonders kalter und schneereicher Winter bevorsteht? Hier bremst Ruhnau die Erwartungen deutlich. "Keiner kann sagen, welche genauen Auswirkungen das hat", stellt der Wetter-Experte klar.
Denn der stratosphärische Polarwirbel beeinflusst unser Wetter nicht unmittelbar. Die täglichen Wettererscheinungen spielen sich in der darunterliegenden Troposphäre ab. Veränderungen in der Stratosphäre können sich zwar auf die Großwetterlage auswirken, allerdings häufig erst mit mehreren Wochen Verzögerung.
In der Vergangenheit führten starke Polarwirbel-Störungen teilweise zu blockierenden Hochdruckgebieten und Ausbrüchen arktischer Kaltluft bis weit nach Süden. Solche Entwicklungen müssen Europa aber keineswegs treffen.
Hinzu kommt: Eine derart frühe und starke Abschwächung des Polarwirbels ist bislang nicht beobachtet worden. Entsprechend fehlen Erfahrungen darüber, welche Folgen daraus entstehen könnten.
Sollte sich die Störung tatsächlich auf das Wetter in den unteren Luftschichten auswirken, wäre das laut Ruhnau frühestens gegen Ende November oder im Dezember zu erwarten.
Dann könnten sich die großräumigen Wetterlagen auf der Nordhalbkugel verändern. Auch markante Kaltlufteinbrüche wären grundsätzlich möglich.
Eine konkrete Prognose für Schnee, Frost oder einen außergewöhnlich strengen Winter in Österreich lässt sich daraus derzeit aber nicht ableiten.
Ruhnau warnt ausdrücklich davor, aus den Modellberechnungen bereits einen sicheren Eiswinter abzuleiten: "Lasst euch bitte nichts erzählen, dass es irgendwie sicher zu Schnee und Eis und Winterwetter irgendwie in Mitteleuropa [...] kommt. Das ist absolut unsicher."
Fest steht: Der Polarwirbel könnte schon Anfang November Wettergeschichte schreiben. Ob die außergewöhnliche Entwicklung später auch in Österreich für einen Wintereinbruch sorgt, bleibt vorerst völlig offen.