Im Kaukasus sind vor etwa 100 Jahren die Wildrinder verschwunden. Jetzt gibt es Hoffnung: Im Rahmen eines Auswilderungsprojekts werden Wisente wieder angesiedelt. Der WWF-Experte Karim Ben Romdhane hat den Transport der Tiere nach Aserbaidschan begleitet. "Ein Wisent-Transport ist eine große Herausforderung. Umso mehr freut es uns, dass alles reibungslos geklappt hat", sagt er.
Seit sieben Jahren läuft das Kaukasus-Projekt. Die Tiere werden in den nächsten Monaten in einem speziellen Auswilderungsareal am Fuß des Kaukasus beobachtet. Sie sollen sich dort an ihr neues Zuhause gewöhnen, ehe sie endgültig in die Wildnis entlassen werden. Der WWF arbeitet seit 2019 gemeinsam mit internationalen Partnern daran, die Wisente zurück in die Region zu bringen.
„Inzwischen wurden 64 Wisente nach Aserbaidschan gebracht, die sich erfolgreich fortpflanzen. Allein im vergangenen Jahr wurden neun Kälber geboren“Karim Ben RomdhaneWWF-Experte
Mit der aktuellen Umsiedlung steigt die Zahl der Wisente im Shahdag Nationalpark auf etwa 90 Tiere. Nur gesunde und besonders robuste Tiere aus verschiedenen europäischen Einrichtungen werden ausgewildert. Die Wisent-Kuh "Ina" wurde vor drei Jahren in Innsbruck geboren. Laut dem Direktor des Alpenzoos, Andre Stadler, ist sie durch ihr "forsches und selbstbewusstes Verhalten" aufgefallen. "Es freut uns ganz besonders, sie nun in ein Leben in der Wildnis zu entlassen und damit zum Erhalt ihrer ganzen Art beizutragen", so Stadler.
Wisente sind die größten Pflanzenfresser Europas. Sie spielen eine wichtige Rolle in den Ökosystemen, etwa bei der Verbreitung von Samen oder der Regulierung von Pflanzenbeständen. Sie werden auch als "Gärtner" der Landschaft bezeichnet und schaffen Lebensraum für viele andere Arten. Früher waren Wisente auf dem europäischen Festland weit verbreitet. Doch durch die Jagd und die Zerstörung ihrer Lebensräume sind ihre Bestände ab dem elften Jahrhundert stark zurückgegangen.
1919 wurde der letzte Flachland-Wisent in Europa erschossen, 1927 der letzte Berg-Wisent im Kaukasus. Dank Wiederansiedlungsprojekten und strengem Schutz in vielen Ländern gibt es weltweit wieder mehr als 10.000 Wisente
"Obwohl die Wisent-Populationen in Europa wieder wachsen, ist ihr Fortbestand keineswegs gesichert. Denn die wenigen Gebiete, die Wisenten in Europa noch bleiben, sind stark fragmentiert", erklärt Ben Romdhane.
Das führt dazu, dass einzelne Herden voneinander isoliert werden und kein genetischer Austausch mehr möglich ist. Daher sei es wichtig, zunächst überlebensfähige Bestände aufzubauen und diese dann durch Schutzgebiete miteinander zu vernetzen. Der WWF fordert auch die Politik zum Handeln auf. "Der Schutz unserer verbleibenden Natur muss politische Priorität bekommen", warnt Ben Romdhane.