Klimakrise

"Wir sind gescheitert!" Was nun noch zu tun bleibt

Das 1,5-Grad-Ziel gilt als überschritten, doch Klimaschutz bleibt entscheidend – jeder Bruchteil eines Grades zählt für die Zukunft der Erde.
Newsdesk Heute
18.11.2025, 20:15
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Vor zehn Jahren hat sich die Weltgemeinschaft im Pariser Klimaabkommen darauf geeinigt, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung zu begrenzen.

Inzwischen ist aber klar: Das ist nicht gelungen. Trotzdem sind die laufenden Klimaverhandlungen – wie derzeit in Belém in Brasilien – nicht sinnlos. Hier findest du einen Überblick:

Woher kommt die 1,5-Grad-Vorgabe?

Im Pariser Abkommen von 2015 steht das Ziel, die Erwärmung deutlich unter zwei Grad, möglichst aber auf 1,5 Grad zu begrenzen. 2018 hat der Weltklimarat IPCC dazu einen 400 Seiten langen Bericht veröffentlicht. Darin wird deutlich, wie verheerend sich eine Erwärmung von mehr als 1,5 Grad auf die Umwelt und die Menschen auswirken würde.

Die Vorgabe basiert auf wissenschaftlichen Prognosen, ab wann wichtige Systeme wie das Eis an den Polkappen, Gletscher und Regenwälder kippen könnten. Der 1,5-Grad-Grenzwert hat sich deshalb in den internationalen Klimaverhandlungen immer mehr durchgesetzt. Im großen Sachstandsbericht von 2021 hat der IPCC aber schon gemeint, dass die Marke wohl schon um das Jahr 2030 erreicht wird – also zehn Jahre früher als 2018 noch angenommen. Seitdem heißt es in den Verhandlungen, das 1,5-Grad-Ziel müsse "in Reichweite" gehalten werden.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat im Juli ein wichtiges Gutachten veröffentlicht. Demnach sind die Staaten rechtlich verpflichtet, gegen den Klimawandel vorzugehen. Sie müssen also Maßnahmen setzen, die mit dem 1,5-Grad-Ziel zusammenpassen.

Wo stehen wir jetzt?

Zum Start des Klimagipfels in Belém hat UNO-Generalsekretär António Guterres vor gut einer Woche gesagt: "Wir sind dabei gescheitert, die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad zu begrenzen." Er stützt sich dabei auf die Erkenntnisse der Wissenschaft. Laut Weltwetterorganisation (WMO) wurde 2024, dem weltweit heißesten Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, eine durchschnittliche Erwärmung von 1,55 Grad gemessen.

Um sicher zu sagen, dass das 1,5-Grad-Ziel verfehlt ist, muss der Wert laut Klimawissenschaftlern aber über mehrere Jahre hinweg überschritten werden. Einzelne Ausreißer gibt es immer wieder, zum Beispiel durch das Klimaphänomen El Niño. Angesichts der Entwicklungen in den letzten Jahren gehen Forscher aber davon aus, dass die 1,5-Grad-Grenze nun dauerhaft überschritten wird.

Der Jahresbericht der Organisation Global Carbon Budget, der vorige Woche veröffentlicht wurde, zeigt: Die Menschheit dürfte insgesamt nur noch 170 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen, um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Bei den derzeitigen Emissionen ist dieses Kontingent aber schon in vier Jahren aufgebraucht.

Der Emissions Gap Report des UN-Umweltprogramms von Anfang November sagt, dass die Welt selbst bei Einhaltung aller aktuellen Klimaschutzzusagen auf eine Erwärmung von 2,3 bis 2,5 Grad bis 2100 zusteuert. Weil die Umsetzung der Klimaziele aber oft hapert, rechnen viele eher mit 2,8 Grad.

Welchen Sinn haben die Klimaverhandlungen jetzt noch?

Das Pariser Klimaabkommen war nicht umsonst. Vor der Vereinbarung steuerte die Erde nämlich auf eine Erwärmung von etwa vier Grad zu. Dass die Grenze nun praktisch überschritten ist, heißt nicht, dass Klimaschutz sinnlos geworden ist. Je höher die Erwärmung, desto schlimmer die Folgen – auf jedes Zehntelgrad kommt es an, betonen sowohl Umweltorganisationen als auch Klimaforscher wie Friederike Otto vom Imperial College in London.

In den Verhandlungen ist jetzt oft vom "Overshoot" die Rede – also davon, dass die 1,5-Grad-Grenze überschritten wird. Es geht darum, das Ausmaß so gering wie möglich zu halten. "Wir müssen unser Versagen eingestehen", sagte dazu der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Johan Rockström, im September bei der UNO in New York. "Aber wir müssen nicht weiter versagen."

Laut Rockström könnte es 50 bis 70 Jahre dauern, bis die Menschheit mit den jetzt ergriffenen Klimaschutzmaßnahmen die globale Durchschnittstemperatur wieder auf höchstens 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau bringt. "Das bedeutet mit hundertprozentiger Sicherheit, dass wie wir eine sehr harte Zeit haben werden, bevor es möglicherweise besser wird", sagte Rockström Anfang des Monats zu AFP.

Laut Christoph Bals von Germanwatch wird bei den Klimaverhandlungen inzwischen eine 1,7-Grad-Grenze "als nächster Anker" diskutiert, bevor am Ende des Jahrhunderts die 1,5-Grad-Grenze vielleicht wieder eingehalten werden kann.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 18.11.2025, 20:16, 18.11.2025, 20:15
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