Österreich steht vor einem ungewöhnlichen Engpass beim Grippeimpfstoff. Rund 868.000 Dosen des Präparats Influvac werden nicht wie geplant im Oktober geliefert. Größere Mengen könnten erst Ende November in den Arztpraxen eintreffen. Das bringt das kostenlose Impfprogramm des Bundes mitten vor Beginn der Grippesaison unter Druck. "Heute" hat bereits darüber berichtet.
Besonders brisant: Das nationale Referenzlabor der Medizinischen Universität Wien registriert bereits erste Grippefälle und hält einen ungewöhnlich frühen Start der Grippewelle für möglich. "Viele Fälle sind zwar noch immer reiseassoziiert, aber eben nicht mehr alle - und das ist ungewöhnlich früh", stellt Virologin Monika Redlberger-Fritz, die am Zentrum für Virologie der MedUni Wien unter anderem für die Überwachung von Influenza und anderen Atemwegsviren tätig ist, im "Heute"-Gespräch klar. Damit wird Zeit zum entscheidenden Faktor.
„Das ist ungewöhnlich früh.“Monika Redlberger-FritzVirologin an der MedUni Wien
Das Gesundheitsministerium reagiert auf die Lieferprobleme mit einer klaren Priorisierung. Impfstoff soll zunächst jenen zur Verfügung stehen, bei denen ein schwerer Verlauf besonders vermieden werden soll. Für Kinder zwischen zwei und 18 Jahren stehen nach Angaben des Ministeriums rund 259.000 Dosen bereit. Für Menschen ab 50 Jahren sind rund 538.000 Dosen verfügbar.
Weitere rund 100.000 Dosen für Säuglinge, Schwangere und Risikopatienten befinden sich laut Ressort auf dem Weg. Diese Impfstoffe sollen nun rasch an die Impfstellen verteilt werden. Für andere Impfwillige kann es hingegen zu Wartezeiten kommen.
Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) spricht angesichts der Verzögerungen Klartext. "Wir reden die Situation nicht schön: Sie ist ernst."
Gleichzeitig verweist sie darauf, dass Österreich bei der Beschaffung nicht ausschließlich auf ein einziges Präparat gesetzt habe. Die derzeitigen Probleme seien vor allem auf internationale Produktions- und Lieferketten zurückzuführen. "Wir sehen gerade live, wie abhängig Europa bei Arzneimitteln von internationalen Produktions- und Lieferketten ist", erklärte die Staatssekretärin.
Nach Angaben des Ministeriums liegen die Ursachen beim Hersteller. Dieser könne weder den ursprünglich zugesagten Liefertermin im Oktober noch die bestellte Gesamtmenge verbindlich garantieren.
Eine Rolle spielt demnach auch die diesjährige Zusammensetzung des Grippeimpfstoffs. Die Weltgesundheitsorganisation habe ungewöhnlich viele Bestandteile neu festgelegt, was die Produktion zusätzlich erschwert habe. Hinzu kommen fragile internationale Lieferketten. Auch Transportwege rund um die Straße von Hormus gelten als möglicher Faktor für Verzögerungen bei globalen Warenströmen.
Die Folgen sind für Patienten unmittelbar spürbar. Bereits vereinbarte Impftermine müssen teilweise neu organisiert werden.
Das Gesundheitsministerium hat die Impfstellen angewiesen, keine Termine mit Dosen zu planen, deren Lieferung noch nicht bestätigt ist. Erst wenn weitere Lieferungen verbindlich zugesagt sind, sollen die Impfstellen darüber informiert werden. Für viele Menschen bedeutet das derzeit: warten.
Die saisonale Influenza ist keineswegs eine harmlose Erkältung. Nach Angaben der österreichischen Gesundheitsbehörden sterben hierzulande jedes Jahr rund 1.000 Menschen an den Folgen der echten Grippe.
Besonders empfohlen wird die Impfung daher unter anderem für ältere Menschen, Schwangere, chronisch Kranke und Kinder.