3 Lipödem-Mythen im Check

"Was Ärzte dir verschweigen" – Experte warnt vor Masche

Es klingt verlockend: Detox-Programme oder bestimmte Präparate – und das Lipödem soll verschwinden. Medizinisch ist die Sache deutlich komplizierter.
Heute Life
03.10.2026, 06:54
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"Heile dein Lipödem ohne OP", "Dieses Präparat löst das Fett auf", "Mit der richtigen Ernährung bekommst du es weg": Wer auf TikTok oder Instagram nach Lipödem sucht, stößt schnell auf Versprechen, die Hoffnung machen – und gefährlich werden können. Während Betroffene oft jahrelang nach einer Erklärung für Schmerzen, Schwellungen oder auffällige Fettverteilung suchen, verkaufen manche Accounts längst die vermeintlich einfache Lösung dazu.

Für Lipödem-Experte und Facharzt für Plastische Chirurgie, Christian Schmitz, sind absolute Aussagen wie "heilt", "löst" oder "garantiert" ein klares Warnsignal. Und für Laura Bernunzo, die selbst mit Lipödem lebt, können solche Botschaften weit mehr anrichten als nur enttäuschte Erwartungen.

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"Ich dachte, ich müsste nur härter trainieren"

Bernunzo merkte schon früh, dass ihre Beine anders waren. Normale Stiefel passten kaum, nach Flügen fühlten sich ihre Beine schwer und geschwollen an. Später verschärften sich die Beschwerden zusätzlich. Der entscheidende Moment kam Anfang 20: Nach einem zehnwöchigen Fitnessprogramm hatte sie am Oberkörper deutlich abgenommen – an Armen und Beinen dagegen kaum: "Da wurde mir endgültig klar, dass etwas nicht stimmt", erzählt sie im Gespräch mit "Heute".

Laura Bernunzo lebt selbst mit Lipödem und kennt die jahrelange Suche nach der richtigen Behandlung aus eigener Erfahrung.
Privat, Laura Bernunzo

Trotzdem glaubte sie lange, sie könne die Erkrankung mit genügend Disziplin selbst lösen: "Ich selbst habe Anfang 20 geglaubt, ich könnte meine Krankheit einfach wegtrainieren." Dieser Gedanke habe bei ihr massive Selbstzweifel ausgelöst. Sie fühlte sich nicht diszipliniert genug, nicht stark genug – bis hin zu einem ungesunden Essverhalten und einer Essstörung.

Mythos 1: "Du musst einfach abnehmen"

Hier liegt laut Schmitz eines der größten Missverständnisse: Bewegung und Ernährung können Beschwerden beeinflussen, aber eine Diät, die gezielt Lipödemfett verschwinden lässt, gibt es nach seiner Aussage nicht. Empfohlen werde eher ein langfristig umsetzbares, entzündungsbewusstes Ernährungsmuster – etwa mediterran und bei Bedarf kalorienreduziert. Bewegung wiederum könne die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern und sich günstig auf Entzündungsprozesse auswirken.

Doch aus "Bewegung hilft" werde in sozialen Medien schnell "Du kannst das Lipödem wegtrainieren" – und diese Verkürzung sei medizinisch nicht haltbar.

Christian Schmitz ist Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie sowie Experte für Lipödem und begleitet Betroffene von der Diagnose bis zur individuell passenden Therapie.
sthetic

Mythos 2: Supplements lösen Lipödemfett auf

Auch Nahrungsergänzungsmittel werden online gerne als Abkürzung verkauft. Schmitz stellt klar: "Es gibt kein Supplement, das Lipödemfett abbaut." Supplemente seien rechtlich Lebensmittel und keine Arzneimittel. Besteht tatsächlich ein Mangel, könne eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein – etwa nach entsprechender Diagnostik. Sein Grundsatz: "Erst messen, dann gezielt ausgleichen und anschließend kontrollieren."

Auch der Zusatz "natürlich" bedeute keineswegs automatisch harmlos: Vitamine und Mineralstoffe könnten überdosiert werden oder Wechselwirkungen mit Medikamenten haben.

Bernunzo hat selbst vieles ausprobiert: Globuli, Supplemente, ketogene Ernährung, vegane Kost, Rohkost und Behandlungen beim Heilpraktiker. Manches habe ihr allgemeines Wohlbefinden verbessert. "Eine Heilung oder spürbare Verbesserung meines Lipödems habe ich dadurch aber nicht erlebt."

Mythos 3: Detox entgiftet den Körper

Besonders kritisch sieht Schmitz sogenannte Detox-Produkte. Der Körper verfüge mit Leber, Nieren, Darm, Lunge und Haut bereits über eigene Systeme, um Stoffe zu verarbeiten und auszuscheiden.

Für Präparate, die angebliche "Schlacken" aus dem Körper entfernen sollen, gebe es keine wissenschaftliche Grundlage. Sinkt das Gewicht bei einer Detox-Kur schnell, stecken laut Schmitz meist Wasser- und Glykogenverlust oder eine abführende Wirkung dahinter – nicht der Abbau von Lipödemfett.

Was hilft tatsächlich?

Eine universelle Behandlung gibt es laut Schmitz nicht. Häufig besteht die Therapie aus mehreren Bausteinen. Kompression kann vor allem Schmerzen und Beschwerden lindern, reduziert aber nicht das Lipödemfett. Bewegung kann Belastbarkeit und Wohlbefinden verbessern. Ernährung kann unterstützend wirken, ohne die Erkrankung zu heilen.

Wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichend helfen, kann eine Liposuktion eine weitere Behandlungsoption sein: Dabei gehe es nicht darum, möglichst viel Fettgewebe zu entfernen, sondern die betroffenen Bereiche fachgerecht und individuell zu behandeln.

Schmitz rät außerdem zur Vorsicht, wenn Information und Verkauf direkt miteinander verbunden sind. Erklärt jemand zunächst ein Gesundheitsproblem und präsentiert danach das passende Produkt inklusive Rabattcode, sollte man hinterfragen, wie unabhängig die Empfehlung tatsächlich ist.

Auch Aussagen wie "Was Ärzte dir verschweigen" seien für ihn kein medizinisches Argument, sondern ein Verkaufsmuster. Seriöse Informationen würden Grenzen, Risiken, mögliche Nebenwirkungen und Unsicherheiten mitliefern.

Bernunzo sieht das ähnlich. Sie rät Betroffenen, sehr genau hinzuschauen, mehrere Erfahrungen zu vergleichen und zu prüfen, ob die Person tatsächlich selbst betroffen ist – oder vor allem etwas verkaufen möchte.

red,03.10.2026, 06:54
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