Im Süden Italiens eskalieren die Proteste gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Seit mehr als einer Woche blockieren Lkw-Fahrer, Frächter und Bauern wichtige Autobahnen, Häfen und Lieferwege.
Besonders betroffen sind die Regionen Apulien, Kalabrien und Kampanien sowie die Insel Sizilien. Millionen Menschen leben in den betroffenen Gebieten. Auslöser der Proteste sind drastisch gestiegene Dieselpreise, hohe Mautkosten und verzögerte staatliche Hilfszahlungen.
Die Folgen bekommen inzwischen auch die Verbraucher zu spüren: In zahlreichen Supermärkten bleiben Regale leer. Besonders Obst, Gemüse, Fleisch und andere frische Lebensmittel werden knapp.
An manchen Tankstellen sind Benzin und Diesel ausgegangen. Am Mittwoch meldeten zudem die Flughäfen Crotone und Reggio Calabria in Kalabrien Engpässe bei der Versorgung mit Flugtreibstoff.
Die Demonstranten fordern sofortige Steuererleichterungen, eine Entlastung beim Agrardiesel und verbindliche Zusagen der Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni.
So haben sich die Proteste entwickelt
■ 11. bis 15. Oktober: Proteste in Apulien
Im Raum Foggia gehen Bauern, Olivenproduzenten, Händler und Frächter auf die Straße. Sie blockieren die Staatsstraße 16 und versammeln sich an Autobahnauffahrten. Während die Olivenpreise sinken, erreichen die Preise für Agrardiesel am 15. Oktober 1,60 Euro pro Liter.
■ 16. bis 17. Oktober: Protestwelle erfasst den Süden
Frächter errichten Blockaden auf den Autobahnen A1 und A30 bei Neapel und verursachen kilometerlange Staus. In Kalabrien organisiert der Logistikverband Fedralog rund 15 Proteststandorte, darunter beim Hafen Gioia Tauro. Auf Sizilien werden Hafenzufahrten und wichtige Transportwege behindert. Die Bewegung gewinnt Unterstützung von Bauern, lokalen Politikern und teilweise auch Schülern.
■ 18. bis 19. Oktober: Versorgungskrise entsteht
Aufgrund der Blockaden melden erste Supermärkte Engpässe, besonders bei frischen Produkten. Der Frächterverband Trasportounito kritisiert, dass gestiegene Dieselpreise nicht ausreichend an Auftraggeber weitergegeben werden. Der Verband nennt einen Anstieg des Dieselpreises um 45 Prozent und fordert eine verpflichtende Anpassung der Transporttarife. Der Protest erreicht auch die Region Latium südlich von Rom.
■ 20. Oktober: Die Regierung verhandelt
Verkehrsminister Matteo Salvini trifft in Mailand Vertreter der Transportbranche. Staatssekretär Edoardo Rixi kündigt die Freigabe von 480 Millionen Euro an Fördermitteln an – Insgesamt stellt die Regierung eine Milliarde Euro in Aussicht. Der sizilianische Frächterausschuss CTS erklärt daraufhin seinen Transportstopp für beendet. In Kalabrien, Kampanien und Apulien gehen die Proteste aber weiter.
■ 21. Oktober: Neue Eskalation und interne Konflikte
In Kalabrien fehlt an den Flughäfen Crotone und Reggio Calabria Flugtreibstoff. Auf Sizilien erhebt der Verband CTS schwere Vorwürfe gegen einzelne Demonstranten: Fahrer, die wieder arbeiten möchten, würden bedroht. Der Verband spricht auch von beschädigten Reifen.
Hinter den Protesten steckt eine wachsende Unzufriedenheit mit den Lebenshaltungskosten. In Italien wird das Problem als "caro vita", also das teure Leben, bezeichnet. Im September lag die Inflationsrate laut Reuters bei 4,2 Prozent. Gleichzeitig haben die Löhne seit Jahren real kaum zugelegt.
Der Ärger reicht inzwischen weit über die Transportbranche hinaus. Bei Schülerdemonstrationen am vergangenen Freitag kam es in mehreren Städten zu Ausschreitungen.
Am Sonntag eskalierte die Gewalt in Mailand, wo Demonstranten Schaufenster einschlugen und Geschäfte plünderten. Rund 270 Menschen wurden zeitweise festgenommen. Die Regierung schickte daraufhin 500 zusätzliche Soldaten in die Stadt.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat Gespräche zugesagt. Verkehrsminister Matteo Salvini erklärte am Mittwoch, dass der Staat seit März bereits mehr als eine Milliarde Euro an Hilfen für Lkw-Fahrer freigegeben habe.
Doch vielen Demonstranten reichen die bisherigen Zusagen nicht. Sie verlangen rasche Entlastungen bei Treibstoffkosten und Steuern. Am Mittwoch forderten zudem elf italienische Transportverbände die Regierung auf, gegen die anhaltenden Straßenblockaden einzuschreiten. Angesichts der bereits zugesagten Hilfen seien die Behinderungen nicht länger gerechtfertigt.
Für Melonis Regierung wird die Protestwelle damit auch politisch zum Problem. Im Jahr 2027 stehen in Italien Parlamentswahlen an. Für den 27. Oktober sind weitere Gespräche mit der Regierung vorgesehen.