Es ist mucksmäuschenstill im Schwurgerichtssaal, als Adelheid Kastner zu sprechen beginnt. Die renommierte Gerichtspsychiaterin analysiert sachlich, ohne Pathos. Doch was sie schildert, trifft mit voller Wucht. Monate der Misshandlung, am Ende der Tod eines Kindes, das in einer Schublade verhungerte und verdurstete.
Im Zentrum ihrer Ausführungen steht die Mutter. Deren Biografie sei "von Anfang an unvorteilhaft verlaufen". Ein alkoholkranker Vater, eine überforderte Mutter, später ein neuer Partner, den Kastner laut "Kronen Zeitung" als "bestimmend und sexuell übergriffig" beschreibt. Geborgenheit oder Schutz habe es nie gegeben. "Solche Erfahrungen verschwinden nicht", sagt Kastner. Sie würden nachwirken.
Auch im Erwachsenenleben setzt sich laut Gutachten die Überforderung fort. In stundenlangen Gesprächen erklärte die 27-Jährige selbst, sie sei "nicht als Mama gemacht". Mit jeder weiteren Schwangerschaft sei der Druck gewachsen, spätestens bei der vierten sei es zum "absoluten Super-GAU" gekommen, so die "Krone" Hilfe von außen blieb aus. Unterstützung durch die Schwiegermutter kam nicht infrage, zu angespannt sei das Verhältnis gewesen.
Aus der Überforderung entwickelte sich laut Kastner eine eigene Erzählung. "In dieser Situation entstand das Märchen", wird sie in der Tageszeitung zitiert. Eine Fantasiegeschichte über dunkle Mächte und eine angebliche Bedrohung, die Verantwortung von den eigenen Schultern nahm. Elias wurde zur Projektionsfläche. "Er war nur mehr eine Sache", so die Sachverständige laut "Krone". An ihm habe die Angeklagte Macht ausgeübt und angestaute negative Gefühle abreagiert.
Eine psychische Erkrankung schließt Kastner aus. "Die Angeklagte war und ist völlig gesund." Gerade das systematische Verbergen über Monate spreche gegen eine Wahnkrankheit. "Wahnkranke gehen mit ihrer Idee nach außen – sie wollen andere überzeugen." Stattdessen diagnostizierte die Expertin eine massive Störung der Persönlichkeitsstruktur mit sadistischen Anteilen und gravierenden Defiziten an Empathie. "Allein die Fähigkeit, das Ganze über Monate hinweg durchzuziehen, ist bezeichnend", wird die Gerichtspsychiaterin in der "Krone" zitiert.
Auch der Vater wird von Kastner klar eingeordnet. Er sei emotional unreif, stark geprägt von einer überbehütenden Mutter. Verantwortung habe er stets abgegeben – zuerst an sie, später an seine Partnerin. Als diese das "Märchen" präsentierte, habe er sich angeschlossen und aktiv mitgewirkt.
"Auch er wusste immer, was richtig und falsch ist", betont Kastner vor Gericht. Krank sei er nicht gewesen. Auf die Frage, wie die Geschwister die Situation erlebt hätten, antwortete er: "Das weiß ich nicht." Seine Persönlichkeitsstörungen seien weniger ausgeprägt gewesen, doch ausreichend, um nicht einzugreifen. Im Gegenteil: Beide hätten sich gegenseitig bestärkt – bis Elias tot war.
Auch die lange Dauer des Verfahrens war Thema. Staatsanwältin Verena Pezzei erklärte laut der Tageszeitung in ihrem Schlussplädoyer: "Mir wäre ebenfalls lieber gewesen, dass es nicht so lange gedauert hätte – aber es ging nicht anders", sagte sie, "all die immensen Chatverläufe zu sichten, hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen".
Elias starb am 19. Mai 2024, zwei Tage später wurden die Eltern festgenommen. Die Mordanklage folgte im November 2025, der Prozess im Februar. Zwischen Tod und Anklage lagen sechs Monate, bis zum Urteil neun Monate. Neben der Auswertung umfangreicher Beweise spielte auch das psychiatrische Gutachten eine Rolle. In Österreich herrscht seit Jahren ein gravierender Mangel an Gerichtspsychiatern – Verfahren verzögern sich dadurch zusätzlich.
Am Ende blieb die nüchterne Erkenntnis der Expertin: Beide Eltern wussten genau, was sie taten – und hörten trotzdem nicht auf.