Brisanter Prozess in Wr. Neustadt: Der ehemalige FPÖ-Abgeordnete Thomas Schellenbacher steht vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, im Juni 2020 dem früheren Wirecard-Manager Jan Marsalek (siehe Infobox unten) bei der Flucht nach Belarus geholfen zu haben. Der 61-Jährige bekannte sich nicht schuldig.
Die Anklage lautet auf Begünstigung. Der Staatsanwalt sprach von einer "Hauruckaktion", deren Ziel es gewesen sei, "Marsalek so schnell und unbemerkt wie möglich aus der Gefahrenzone zu bringen", das berichtet der ORF. Gemeint war der Schengenraum, in Belarus greife kein EU-Haftbefehl. Das sei "perfekt gelungen, insofern kann man von einer erfolgreichen Operation sprechen".
Jan Marsalek – der meistgesuchte Österreicher
Der jetzt 46-Jährige ist in Klosterneuburg (NÖ) aufgewachsen. Er war Vorstandsmitglied beim gefallenen Wirecard-Konzern, verdiente damals kolportierte 1,8 Millionen Euro jährlich.
Dann implodierte das Unternehmen: manipulierte Bilanzen, Milliardenverluste. Marsalek soll einer der Hauptverantwortlichen daran sein.
Sofort flüchtete Marsalek, seitdem soll er für Russland spionieren.
Laut Staatsanwaltschaft soll Schellenbacher den Flug im Auftrag von Martin Weiss organisiert haben, einem früheren Abteilungsleiter im inzwischen aufgelösten Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Nach ihm wird mit internationalem Haftbefehl gefahndet, er soll sich in Dubai aufhalten. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.
Für die Planung der Ausreise soll es am 18. Juni 2020 ein Treffen zwischen Weiss und Marsalek in München gegeben haben. Schellenbacher habe danach die Organisation des Fluges in Bad Vöslau übernommen und "zwei Piloten seines Vertrauens organisieren" sollen. Ziel sei Minsk gewesen "ausgezeichnet geeignet für eine Weiterreise in die Russische Föderation".
Der Flug selbst soll besonders abgeschirmt organisiert worden sein. Eine private Chartermaschine und Barzahlung an die Piloten hätten die Vorgehensweise "so konspirativ wie möglich" gemacht. Laut Staatsanwalt sei Schellenbacher am Tag des Abflugs "schwer nervös" gewesen, schreibt der ORF. Marsalek habe bis spätestens 20.00 Uhr im Flieger sein müssen, sonst wäre ein Start nicht mehr möglich gewesen.
Jan Marsalek wird schwerer Betrug vorgeworfen. Er sei "dringend verdächtig", als COO der Wirecard AG gemeinsam mit Vorstandschef Markus Braun gehandelt zu haben. Gegen Braun läuft seit Jahren ein Prozess in München. Marsalek selbst war am 18. Juni 2020 freigestellt worden. Laut Staatsanwalt habe Weiss damals gesagt, es sei "noch alles safe", Marsalek "müsse aber heute weg".
Die Verteidigung widerspricht den Vorwürfen deutlich. Rechtsanwalt Farid Rifaat erklärte, der Tatbestand der Begünstigung sei nicht erfüllt. "Ich glaube nicht, dass wir diese Vorfrage in diesem Prozess prüfen werden können." Zudem habe es zum Zeitpunkt des Fluges "objektiv kein Haftbefehl gegen Marsalek" gegeben.
Schellenbacher selbst sagte aus, er habe am Tag vor dem Flug weder den Passagier noch das Ziel gekannt. Erst am 19. Juni um 9.31 Uhr habe er erfahren, dass es sich um Marsalek handle. Warum dieser ausreisen wollte, sei ihm nicht gesagt worden. "Ich war der Meinung, dass es ein Businessflug war."
Er habe sich den ganzen Tag am Flugplatz aufgehalten, der Start sei mehrfach verschoben worden. Marsalek sei "ganz knapp" vor 20.00 Uhr eingetroffen. Nervös sei er gewesen, weil hohe Kosten entstanden wären, wenn der Passagier nicht auftaucht.
Ein persönliches Verhältnis zu Marsalek habe es nicht gegeben, betonte der frühere Politiker. Er habe lediglich Kontakte vermittelt, auch um den Flugplatz Bad Vöslau zu stärken. Von "Unstimmigkeiten" bei Wirecard habe er zu diesem Zeitpunkt allerdings gewusst.