Eigene Erfahrungen

Experte erklärt neue Social-Media-Altersregeln

Neue Empfehlungen sollen Kinder im Netz besser schützen. Warum Eltern trotzdem die wichtigste Rolle behalten, erklärt ein Medienexperte.
Digital  Heute
21.07.2026, 18:51
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Kinder sollen in Zukunft besser vor den Risiken sozialer Medien geschützt werden. Dafür hat eine Expertengruppe der Europäischen Union ein neues Modell mit klaren Altersstufen vorgeschlagen. Die Empfehlungen gelten als wichtiger Schritt, weil sie sich stärker an der Entwicklung von Kindern orientieren. Doch aus Sicht des Medienexperten Florian Buschmann darf niemand glauben, dass neue Regeln allein das Problem lösen werden. Eltern würden auch künftig eine entscheidende Rolle spielen.

Der Bericht der EU-Expertengruppe "Sicherheit von Kindern im Internet" liegt inzwischen der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, vor. Die Fachleute präsentierten ihre Vorschläge am 13. Juli in Brüssel. Ziel ist es, den Umgang von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Angeboten besser an deren jeweilige Entwicklungsphase anzupassen.

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Das Modell sieht vor, dass Kinder unter drei Jahren vollständig auf Bildschirmzeit verzichten sollen. Zwischen drei und zwölf Jahren sollen digitale Angebote nur gemeinsam mit Erwachsenen und in einem klar begrenzten zeitlichen Rahmen genutzt werden. Erst ab dem Alter von 13 Jahren empfehlen die Expertinnen und Experten eine schrittweise eigenständigere Nutzung sozialer Medien. Voraussetzung sei allerdings, dass diese Plattformen von Beginn an mit hohen Sicherheitsstandards entwickelt wurden.

Für Florian Buschmann kommen diese Empfehlungen nicht überraschend. Der Psychologe und Gründer der Initiative "Offline Helden" arbeitet seit Jahren mit Kindern, Jugendlichen und Familien. Nach eigenen Angaben hat er inzwischen mehr als 1.500 Workshops an Schulen mit über 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchgeführt. Deshalb begrüßt er die Vorschläge zwar ausdrücklich, sieht darin aber keinen Ersatz für den Alltag in den Familien.

„Das Wissen dahinter ist nicht neu. Und selbst wenn daraus ein Gesetz wird, ändert das wenig daran, dass Eltern es begleiten und im Alltag umsetzen müssen.“

Nach Ansicht Buschmanns orientieren sich die vorgeschlagenen Altersgrenzen an wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, wie sich das Gehirn von Kindern entwickelt. Dass mit Prof. Jörg Fegert vom Universitätsklinikum Ulm ein Kinder- und Jugendpsychiater die Expertengruppe geleitet hat, hält er deshalb für folgerichtig.

Gerade kleine Kinder könnten die schnellen Reize digitaler Inhalte noch gar nicht richtig einordnen. Hinzu komme, dass sich die Bereiche des Gehirns, die Impulse kontrollieren und Belohnungen aufschieben, erst über viele Jahre entwickeln. Deshalb falle es Kindern besonders schwer, sich von einem endlos weiterlaufenden Nachrichtenstrom oder kurzen Videos zu lösen.

Auch mit 13 Jahren sei diese Entwicklung längst nicht abgeschlossen. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle reife vielmehr noch bis weit in die Zwanzigerjahre hinein. Buschmann warnt deshalb davor, Kindern mangelnde Disziplin vorzuwerfen. "Ein Zwölfjähriger, der stundenlang scrollt, ist nicht willensschwach. Ihm fehlt schlicht noch die Bremse, die Erwachsene für selbstverständlich halten."

Eigene Erfahrungen prägen seine Sicht

Für Buschmann ist das Thema nicht nur wissenschaftlich, sondern auch persönlich wichtig. Er berichtet, dass er als Jugendlicher selbst von problematischer Mediennutzung betroffen gewesen sei. Deshalb könne er nachvollziehen, wie schwierig es für junge Menschen sei, sich von digitalen Angeboten zu lösen. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Gehirn den nächsten Reiz verlangt und man selbst keinen Schalter findet, um aufzuhören." Diese Erfahrungen fließen nach seinen Angaben heute auch in seine Arbeit mit Familien ein, die Schwierigkeiten mit der Mediennutzung ihrer Kinder haben.

Dass digitale Medien bei Kindern und Jugendlichen problematisch werden können, sei laut Buschmann seit Jahren bekannt. Bereits im Jahr 2023 fasste die medizinische Leitlinie "Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend" den damaligen Forschungsstand zusammen. An dieser Leitlinie, die von elf medizinischen und psychologischen Fachgesellschaften getragen wird, arbeitete auch Buschmann mit.

Darin werden unter anderem Schlafprobleme, Entwicklungsauffälligkeiten und Internetabhängigkeit als mögliche Folgen einer problematischen Nutzung genannt. Aus seiner Sicht bringen die neuen EU-Empfehlungen deshalb vor allem eines: mehr politisches Gewicht für Erkenntnisse, die Fachleute schon lange kennen. "Wir wissen das alles seit Langem. Der eigentliche Wert der EU-Empfehlung liegt nicht in der Erkenntnis, sondern in dem politischen Gewicht, das sie ihr endlich gibt."

Plattformen setzen auf endloses Scrollen

Nach Ansicht der EU-Expertengruppe liegt das eigentliche Problem nicht allein in der Zeit, die Kinder am Bildschirm verbringen. Entscheidend sei vielmehr die Gestaltung vieler Plattformen. Genannt werden unter anderem endloses Scrollen sowie sogenannte Rabbit-Hole-Algorithmen, die Nutzerinnen und Nutzer immer tiefer in ähnliche Inhalte führen. Deshalb fordert die Expertengruppe das Prinzip "Safety by Design". Digitale Angebote sollen also bereits bei ihrer Entwicklung so gestaltet werden, dass Kinder besser geschützt werden.

Buschmann sieht darin einen entscheidenden Punkt. Viele der Mechanismen, die Menschen möglichst lange auf Plattformen halten sollen, könnten Eltern derzeit kaum ausschalten. Ein endloser Nachrichtenstrom lasse sich in den meisten Apps gar nicht deaktivieren. "Diese Funktionen sind darauf gebaut, genau die Selbstkontrolle auszuhebeln, die Kinder noch gar nicht haben." Solange sich daran nichts ändere, müssten Eltern diese Lücke im Alltag schließen.

Gesetz ersetzt keine Begleitung

Ob und wann aus den Empfehlungen verbindliche EU-Regeln werden, ist derzeit noch offen. Nach der Sommerpause will die Europäische Kommission erste Vorschläge vorlegen. Ein genauer Zeitplan wurde bislang nicht bekanntgegeben. Buschmann macht jedoch deutlich, dass selbst neue Gesetze die Verantwortung der Eltern nicht ersetzen könnten. "Regulierung ordnet die Technik. Begleitung, Einordnung und klare Grenzen im Alltag bleiben aber Aufgabe der Eltern."

Nach der jüngsten DAK-Studie nutzen rund 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland soziale Medien bereits in einer riskanten oder abhängigen Form. Deshalb sei es aus seiner Sicht wichtig, nicht auf politische Entscheidungen zu warten, sondern bereits jetzt zu handeln.

Was Familien schon heute tun können

Buschmann rät Eltern, feste Bildschirmzeiten gemeinsam mit ihren Kindern zu vereinbaren und Smartphones sowie Tablets möglichst konsequent über vorhandene Familienfunktionen abzusichern. Zeitlimits, deaktiviertes Autoplay, Altersfreigaben und aktivierter Jugendschutz könnten dabei helfen, die Nutzung besser zu steuern. Ebenso wichtig seien Freizeitaktivitäten ohne Bildschirm sowie ein bewusstes Vorbild der Eltern. Kinder orientierten sich oft stärker am Verhalten der Erwachsenen als an ausgesprochenen Regeln.

Sein Fazit fällt deshalb eindeutig aus. Die neuen EU-Empfehlungen seien ein wichtiger Schritt für mehr Kinderschutz im Internet. Den Alltag in den Familien könnten sie jedoch nicht ersetzen. Dort werde weiterhin entschieden, wie Kinder den Umgang mit digitalen Medien lernen. "Das Beste an diesen Empfehlungen ist, dass Eltern den größten Teil davon nicht erst nach dem nächsten Gesetz beginnen können, sondern heute."

{title && {title} } red, {title && {title} } 21.07.2026, 18:51