Europa geht mit extrem niedrigen Gasreserven in den Winter. Laut neuem Gasmarktbericht der Internationalen Energieagentur (IEA) waren die Speicher in der EU Ende Oktober nur zu 75 Prozent gefüllt. Das ist der niedrigste Stand zu Beginn der Heizsaison seit 2013.
Damit wurde auch das EU-Mindestziel von 80 Prozent verfehlt. Ursprünglich war sogar eine Befüllung von 90 Prozent vorgesehen gewesen. Besonders niedrig waren die Speicherstände in Deutschland mit 62 Prozent und den Niederlanden mit 66 Prozent. In Österreich lag der Füllstand ebenfalls bei nur zwei Drittel der möglichen Füllmenge.
Verschärft wird die Lage durch den Krieg im Nahen Osten. Seit März ist der Transport von Flüssigerdgas (LNG) durch die Straße von Hormus stark eingeschränkt. Die Lieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten fielen zwischen März und Oktober gegenüber dem Vorjahr um mehr als 60 Milliarden Kubikmeter geringer aus.
Andere Förderländer, darunter die USA, konnten zwar einen Großteil der Ausfälle ausgleichen. Trotzdem erwartet die IEA für 2026 einen Rückgang des weltweiten Flüssiggasangebots um drei Prozent. Das wäre der stärkste jährliche Rückgang in der Geschichte des LNG-Handels.
Die Folgen zeigen sich bereits an den Großhandelsmärkten. Zwischen März und Oktober lagen die europäischen Gaspreise im Durchschnitt fast 70 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Wie sich die Lage entwickelt, hängt laut IEA vor allem von Temperaturen, der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und den Flüssiggaslieferungen aus der Golfregion ab.
Die Energieagentur hat dazu vier Szenarien berechnet. Im günstigsten Fall, bei einem milden Winter, stärkerer Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und einer schrittweisen Wiederaufnahme der LNG-Lieferungen ab Jänner, wären die EU-Speicher Ende März 2027 noch zu 33 Prozent gefüllt.
Ganz anders sieht es bei einem kalten Winter aus, wenn gleichzeitig weniger Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt werden kann und die Flüssiggaslieferungen durch die Straße von Hormus bis Ende März stark eingeschränkt bleiben.
In diesem Szenario könnten die EU-Gasspeicher bis Ende März auf nur noch sieben Prozent ihrer Kapazität sinken. Das wäre laut IEA ein historischer Tiefstand.
Hinzu kommt: Sinkt der Füllstand der Gasspeicher auf unter 30 Prozent, kann in der Regel nicht mehr so viel Gas auf einmal entnommen werden, warnt die IEA. Kommen dann eine Kältewelle, technische Ausfälle oder Lieferunterbrechungen hinzu, könnte das die Gasversorgung in Europa zusätzlich erschweren.
Die niedrigen Reserven könnten auch die Preise stärker schwanken lassen. Denn Europa ist bei geringeren Speicherständen stärker auf Flüssiggaslieferungen angewiesen und muss dabei mit anderen Weltregionen um verfügbare Mengen konkurrieren.
Selbst nach dem Winter könnte die Lage angespannt bleiben. Denn – bei stark geleerten Speichern müsste die EU im Sommer 2027 entsprechend mehr Gas einlagern.
Um bis Anfang November 2027 wieder den durchschnittlichen Speicherstand der vergangenen fünf Jahre zu erreichen, wären laut IEA je nach Szenario insgesamt 57 bis 83 Milliarden Kubikmeter Gas nötig. Zum Vergleich: In den vergangenen fünf Jahren wurden während der Einspeichersaison durchschnittlich 50 Milliarden Kubikmeter eingelagert.
Der höhere Bedarf könnte laut IEA die Großhandelspreise zusätzlich nach oben drücken und die angespannte Lage am Gasmarkt bis in den Sommer 2027 verlängern.