Während Autofahrer an den Tankstellen immer tiefer in die Tasche greifen müssen, verdient die Ölindustrie laut einer neuen Greenpeace-Studie kräftig dazu. Seit Beginn des Iran-Krieges Ende Februar sind die Spritpreise in Österreich deutlich stärker gestiegen, als es sich allein durch die höheren Rohölpreise erklären lässt.
Besonders groß ist der Unterschied bei Diesel: Hier beträgt der zusätzliche Preisaufschlag vor Steuern durchschnittlich 24,4 Cent pro Liter, um 1,7 Cent mehr als im EU-Schnitt (22,7 Cent). Bei Benzin liegt der Aufschlag bei uns bei 12,3 Cent pro Liter und damit einen Cent unter dem EU-Durchschnitt (13,3 Cent).
Aus den gestiegenen Gewinnspannen errechnet Greenpeace für Österreich zwischen 1. März und 19. Oktober 2026 zusätzliche Gewinne von insgesamt 1,03 Milliarden Euro. Das entspricht durchschnittlich 4,4 Millionen Euro pro Tag. Rund 84 Prozent dieser Übergewinne stammen aus dem Dieselgeschäft.
Damit belegt Österreich im EU-Vergleich den siebenten Platz bei den höchsten absoluten Übergewinnen. Die Ölbranche erzielte demnach bei uns sogar höhere zusätzliche Gewinne als etwa in den Niederlanden, in Schweden und Tschechien (je 4,1 Millionen Euro pro Tag) oder in Portugal (3,6 Millionen).
Spitzenreiter bei den zusätzlichen Tageseinnahmen war Deutschland mit 28,7 Millionen Euro, gefolgt von Frankreich (24,6 Millionen), Italien (21,7 Millionen) und Spanien (20,4 Millionen). Ebenfalls mehr als in Österreich waren es auch in Polen (13,2 Millionen) und Belgien (5,4 Millionen).
Europaweit fällt die Bilanz noch wesentlich höher aus. Insgesamt errechnet die Studie rund 36 Milliarden Euro an Übergewinnen, durchschnittlich 154,4 Millionen Euro täglich. Davon entfallen rund 28,2 Milliarden Euro auf Diesel und knapp 7,8 Milliarden Euro auf Benzin.
Allein in Deutschland summieren sich die zusätzlichen Gewinne auf knapp 6,7 Milliarden Euro, in Frankreich auf mehr als 5,7 Milliarden Euro und in Italien auf über fünf Milliarden Euro.
Für den von Greenpeace beauftragten Bericht verglich der Energieexperte Steffen Bukold die Gewinnspannen im Spritgeschäft vor Beginn des Iran-Krieges mit jenen zwischen März und Oktober 2026.
Dabei wurde untersucht, wie stark die Tankstellenpreise ohne Steuern und Abgaben im Verhältnis zu den Rohölpreisen gestiegen sind. Die zusätzlichen Gewinnspannen wurden anschließend mit den verkauften Spritmengen hochgerechnet.
Bei den Ergebnissen handelt es sich um Schätzungen auf Basis eines vereinfachten Berechnungsmodells, nicht um bereits ausgewiesene Unternehmensgewinne. Die tatsächliche Höhe lasse sich erst nach Veröffentlichung der detaillierten Geschäftsberichte im kommenden Jahr feststellen.
"Während viele Menschen nicht mehr wissen, wie sie ihre Spritkosten bezahlen sollen, verdienen sich fossile Konzerne eine goldene Nase", kritisiert Herwig Schuster, Verkehrsexperte bei Greenpeace Österreich.
Die Umweltschutzorganisation fordert Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) auf, die bestehende Übergewinnsteuer deutlich zu erhöhen und auf das Tankstellengeschäft auszuweiten. Zusätzlich brauche es eine EU-weite Besteuerung der Öl- und Gasindustrie.
In Österreich gibt es bereits den sogenannten Energiekrisenbeitrag für fossile Energieträger. Dieser schöpft allerdings nur 50 Prozent der Übergewinne ab und erlaubt umfangreiche Absetzbeträge. Gewinne aus dem Tankstellengeschäft werden zudem nicht berücksichtigt.
Greenpeace verlangt deshalb, sämtliche Gewinne aus dem Geschäft mit Öl und Gas einzubeziehen und die bisherigen Ausnahmen zu beseitigen.
Wie viel Geld dadurch zur Verfügung stehen könnte, verdeutlicht Greenpeace mit einem Rechenbeispiel. Würden sämtliche Übergewinne konsequent mit 50 Prozent besteuert, ohne Schlupflöcher für die Konzerne, könnten mit den Einnahmen laut der Umweltschutzorganisation 1,25 Millionen Menschen mit regionalen Klimatickets versorgt werden.
Die zusätzlichen Steuereinnahmen sollten nach den Vorstellungen von Greenpeace genutzt werden, um die Energiewende in Österreich voranzutreiben und klimafreundliche Verkehrsangebote auszubauen.
"Es ist höchste Zeit, dass wir die Energieversorgung in Österreich unabhängig, sicher und damit letztlich leistbar machen. Das kann nur mit heimischen erneuerbaren Energien gelingen", so Schuster.