Im Ukraine-Krieg haben sich in Russland zahlreiche neue Ausdrücke etabliert, mit denen Soldaten, Angehörige und Behörden verschlüsselt über Kriegseinsätze, Gewalt und Tod kommunizieren.
Begriffe wie 'Geschäftsreise', 'Ankunft' oder 'auf null setzen' tragen dazu bei, das Geschehen an der Front zu verschleiern oder zu beschönigen.
Die russische Sozialanthropologin Alexandra Archipowa und der Psychologe Jurij Lapschin haben in ihrem 'Ethnografischen Wörterbuch des Krieges' 77 solcher Ausdrücke dokumentiert. Grundlage dafür waren mehr als 6700 geleakten Beschwerden von Soldaten und deren Angehörigen, die sie ausgewertet haben.
Wie der "Spiegel" berichtet, steht etwa der Begriff 'Geschäftsreise' für einen Kriegseinsatz, während 'Ladung 200' gefallene Soldaten und 'Ladung 300' Verwundete bezeichnet. Neu ist '500' für Deserteure.
Besonders drastisch ist 'Obnulenije' – 'auf null setzen' –, womit die Tötung eines eigenen Kameraden durch einen Vorgesetzten gemeint ist.
Der Begriff 'Ankunft' ('Priljot') wurde ursprünglich für die Landung eines Flugzeugs verwendet. Heute bezeichnen russische Behörden und Medien damit Raketen- oder Drohnenangriffe der Ukraine – oft absichtlich ungenau und beschönigend. Diese Begriffe vermischen sich laut Archipowa mit dem informellen Jargon der Soldaten und finden auch Eingang in die Alltagssprache der Bevölkerung.
Auch der Begriff 'Fleisch' oder 'Fleischangriff' steht für Angriffe, bei denen der totale Verlust einer ganzen Gruppe als hinnehmbar gilt. Eine Soldatenfrau zitierte ihren Mann mit den Worten: "Ich will kein Fleisch sein!"
Viele der Codes und Euphemismen sind laut Archipowa längst im zivilen Alltag angekommen: Angehörige übernehmen sie in ihren Beschwerden, und selbst Kinder auf russischen Schulhöfen spielen das Fangspiel 'Obnulenije'.
Für das Wörterbuch wurden Beschwerden ausgewertet, die zwischen April und September 2025 an die kremlnahe Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa geschickt wurden.
Die Forscherin Archipowa erklärte, das Material stamme aus einem Leak. Einige Begriffe entstammen früheren Kriegen, viele sind aber seit der russischen Invasion in der Ukraine 2022 entstanden.