Christian Wehrschütz teilt aus

"Gerade wir Österreicher sollten sehr vorsichtig sein"

Jahrzehntelang berichtete Christian Wehrschütz für den ORF aus Kriegsgebieten. Kurz vor der Pension rechnet er in einem Rundumschlag groß ab.
Newsdesk Heute
28.03.2026, 19:17
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Nach vielen Jahrzehnten in den Krisen- und Kriegsgebieten Osteuropas soll es bei Christian Wehrschütz (64) bald beschaulicher zugehen. Der weit bekannte ORF-Korrespondent will bald den wohlverdienten Ruhestand gehen. In einem Interview mit der "Kronen Zeitung" nimmt sich der erfahrene Journalist kein Blatt vor den Mund und unter anderem teilt kräftig gegen die heimische Politik aus.

Über den Ukraine-Krieg

"Ich dachte mir, nach der Militäraktion in Gaza ist das der nächste schwere Schlag für die Ukraine. Es war klar, dass sie massiv in den Hintergrund treten wird", sagt Wehrschütz und spricht von dramatischen Folgen für das Land. Weil 40 Prozent der Wirtschaftsleistung aus der Landwirtschaft stammen, ist die Ukraine von den Düngemittel-Engpässen durch die Hormus-Blockade besonders betroffen.

Den Russen eröffnen sich mehrere Chancen: Die Ukraine könne angreifende Drohnen inzwischen selbst gut bekämpfen, das gelte aber nicht für ballistische Raketen. "Und nachdem Raketenabwehrsysteme ja nicht auf Bäumen wachsen, ist ganz klar, dass der Bedarf dafür jetzt ganz woanders ist."

Die Energiekrise werde voraussichtlich die Bereitschaft westlicher Staaten, die Ukraine zu unterstützen, weiter dämpfen. Die Sanktionen tun Russlands Wirtschaft zwar weh, verhindern aber ganz offensichtlich nicht, dass Wladimir Putin diesen Krieg weiterführt. "Im Grunde genommen hat der steigende Ölpreis Russland noch mehr gestärkt. Es kann diesen Krieg also noch länger durchhalten", so der Kriegsberichterstatter.

Gibt es für die Ukraine eine andere Perspektive als ein Kriegsende? "Ich sehe keine." Das könne aber nur diplomatisch erreicht werden, mahnt Wehrschütz. Er sieht "derzeit keine Chance" für eine Entscheidung auf dem Schlachtfeld.

Kyjiws Dilemma

Kyjiw steht vor einem Dilemma: "Russlands minimales Kriegsziel ist die Eroberung des Rests von Donbass. Da gibt es offensichtlich auch eine Einigung zwischen Russland und den USA [...] Aber was bekäme die Ukraine dafür vom Westen?"

Schon beim Budapester Memorandum 1994 seien die Westmächte nicht bereit gewesen, der Ukraine handfeste Sicherheitsgarantien abzugeben, erinnert der 64-Jährige mit Blick auf das Buch "Der Adler und der Dreizack" des früheren US-Botschafters Steven Pifer. "Das ist das Grundproblem, vor dem die Ukraine bis heute steht. Die Westmächte haben nicht entschieden, welchen Platz die Ukraine in dem Konstrukt einnehmen soll, das man europäische Sicherheitsarchitektur nennt."

Orbán und die FPÖ

Viktor Orbáns Blockade weiterer Milliarden-Hilfen für die Ukraine – der Ungarn-Premier schießt in seinem laufenden Wahlkampf andauernd gegen das angegriffene Nachbarland – hält Wehrschütz für einen schweren Fehler. Auch mit der FPÖ-Forderung zum sofortigen Stopp aller Hilfen rechnet er hart ab: "Das ist nicht richtig!"

"Aus meiner Sicht gibt es keine Alternative zur weiteren Finanzierung der Ukraine, weil wir uns den Zusammenbruch der Ukraine nicht leisten können. Eine unabhängige Ukraine ist ein Sicherheitsschild für die Staaten Ostmitteleuropas, vom Baltikum bis zu Polen, die nebenbei ja auch EU-Mitglieder sind und damit also auch mit Österreich zutiefst verbunden sind."

Der ORF-Korrespondent würde sich aber eine stärkere Kontrolle seitens der EU wünschen. Er selbst würde die Unterstützung "stärker strukturieren": "Die Hilfe sollte ein Schuhlöffel sein, dass österreichische Betriebe dann später, wenn es um den Wiederaufbau geht, wirtschaftlich erfolgreich sein können."

Was kann Österreich tun?

"Gar nichts, weil Österreich viel zu klein ist, um dort vermitteln zu können. Ein Zwerg kann zwischen zwei Giganten nicht vermitteln", erklärt Wehrschütz nüchtern. Wichtig wäre aus seiner Sicht eine gemeinsame europäische Linie. "Aber da sind die Gegensätze bei den Mitgliedsländern so groß, dass es sehr, sehr schwierig ist. Ich habe das Gefühl, dass die Europäische Union intern völlig gelähmt ist."

Zwar möchte sich der 64-Jährige nicht zur Innenpolitik äußern, doch lässt er Kritik an Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos) durchblicken: "Ziel eines Kleinstaates sollte sein, international eine bedeutendere Rolle zu spielen, als es seiner Größe entspricht. Dazu bedarf es aber auch einer gewissen, klaren Logik. Zu erwarten, dass Österreich als Ort für Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine infrage kommt, wenn ich mich so eindeutig positioniere, ist nicht realistisch." Die österreichische Außenpolitik habe österreichischen Interessen zu dienen, politisch wie wirtschaftlich.

Über Karin Kneissl

Klare Worte findet Wehrschütz auch zur ehemals von der FPÖ gestellten Außenministerin Karin Kneissl, die mit ihrem Hofknicks vor Wladimir Putin bei ihrer eigenen Hochzeit Österreich international in besonderes Licht gerückt hatte. Inzwischen lebt Kneissl in Russland, lässt sich vom Kreml für diverse Funktionen großzügig bezahlen.

Für ihre Unterstützung, als er 2019 unter Petro Poroschenko ein Einreiseverbot in die Ukraine ausgefasst hatte, werde er ihr "ewig dankbar" sein, hält der Miliz-Offizier fest. Eine Patriotin sieht für ihn allerdings offenkundig anders aus: "Alles andere bedauere ich zutiefst. Man schimpft nicht über sein Land gegenüber Dritten."

Frieden in Europa

Kann es in Europa überhaupt einen Frieden ohne die Atommacht Russland geben? "Ohne Putin wird es nicht gehen", konstatiert Wehrschütz. "Gerade wir Österreicher sollten also sehr vorsichtig mit Prognosen, dass Russland in die Knie gehen wird, sein. Das ist ja schon einmal schlecht gegangen und hat uns Millionen Tote gekostet."

Weißmann-Skandal im ORF

"Nicht der ORF macht diese Schlagzeilen, sondern einzelne Personen", stellt der langjährige Rundfunk-Korrespondent klar: "Ich halte es für eine Zumutung für 3.000 Mitarbeiter des ORF, sich das gefallen lassen zu müssen. Sie stellen tagtäglich ihren Mann, ihre Frau, arbeiten anständig und kommen mit ihrem Gehalt bei Weitem nicht an die vermeintlichen Millionenansprüche heran, die bei Einzelnen jetzt kolportiert werden. [...] Meine Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich so viele Jahre auch zusammengearbeitet habe, haben sich das nicht verdient."

Hofburg-Ambitionen

Wird Wehrschütz in der Pension nach der Hofburg greifen? Laut "Krone" gibt es Gerüchte, dass die FPÖ ihn als Bundespräsidentschaftskandidat nominieren könnte.

"Mit mir hat keiner geredet", beendet der Grazer diese Spekulationen. "Natürlich ist es ausgesprochen ehrenvoll, für ein derartiges Amt genannt zu werden. Meine Perspektive wäre aber eher gewesen, Sturm-Präsident zu werden."

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 28.03.2026, 20:28, 28.03.2026, 19:17
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