Auf dem Felsen von Gibraltar leben rund 230 Berberaffen, die bei Touristen besonders beliebt sind. Die Tiere sind sehr zutraulich und neugierig. Viele Besucher können nicht widerstehen und füttern die Affen – obwohl das eigentlich streng verboten ist und hohe Strafen drohen.
Leider jedoch ohne Erfolg, denn fast ein Fünftel ihrer Nahrung besteht mittlerweile aus ungesundem Essen wie Schokolade, Chips und Eis, das sie von den Besuchern bekommen. Die Affen sind dabei so schlau, dass sie sich das Junkfood sogar selbst aus Rucksäcken und Taschen stibitzen.
Im Tiergarten Schönbrunn kann man freilich auch Berberaffen im selben Gehege wie die Mähnenspringer beobachten:
Diese ungesunde Ernährung bleibt aber nicht ohne Folgen. Forscher haben beobachtet, dass die Affen regelmäßig Erde fressen – vor allem dann, wenn sie vorher Junkfood erwischt haben. Der Verhaltensforscher Sylvain Lemoine von der Universität Cambridge untersucht die Gibraltar-Makaken seit 2022 im Rahmen des Gibraltar Macaques Project. "Dieses offenbar gezielte Fressen von Erde nennt man in der Wissenschaft 'Geophagie'", erklärt er im Gespräch mit ORF Wissen.
Bei vielen Tieren – wie zum Beispiel Elefanten, die Salz lecken – dient das Fressen von Erde der Mineralstoffaufnahme. Auch schwangere Tiere greifen oft dazu, wenn sie mehr Nährstoffe brauchen. Bei den Berberaffen auf Gibraltar scheint das aber nicht der Hauptgrund zu sein. Schwangere oder säugende Weibchen fressen nämlich nicht mehr Erde als die anderen.
Lemoine glaubt, dass die Tiere die Erde als eine Art Selbstmedikation nutzen, um die Folgen des Junkfood abzumildern. Die Erde legt sich vermutlich wie ein Schutz über die Magenschleimhaut, bindet schädliche Stoffe und könnte sogar nützliche Bakterien liefern, die das vom Zucker und Fett gestörte Darmmikrobiom wieder ins Lot bringen.
„Sie haben wahrscheinlich Bauchweh, haben aber offenbar gelernt, dass ihnen das Fressen der Erde gegen das unangenehme Gefühl hilft“
Nach dem Naschen von Schokolade und Chips greifen die Makaken also regelmäßig zur Erde.
Geophagie ist bei vielen Affenarten bekannt – mehr als 136 Arten zeigen dieses Verhalten in unterschiedlichem Ausmaß. Bei Berberaffen wurde es bisher aber kaum dokumentiert, und Lemoine und sein Team sind die Ersten, die das Phänomen bei dieser Art genau untersucht haben. Die Ergebnisse stellen sie gerade in einer Studie im Fachjournal "Scientific Reports" vor.
Die Forscher haben die Affen mehrere Jahre lang beobachtet. Im Schnitt fressen sie zwölfmal pro Woche Erde. Im Sommer, wenn mehr Touristen kommen und mehr Junkfood verteilt wird, steigt auch die Menge an gefressener Erde. Das Ganze dürfte also kein natürliches Verhalten sein, sondern eine neue Tradition – ausgelöst durch den engen Kontakt mit Menschen.
Interessant ist auch, dass die verschiedenen Affengruppen auf Gibraltar unterschiedliche Vorlieben entwickelt haben. Die meisten mögen "Terra Rossa" – einen roten, eisenhaltigen Lehm, der typisch für das Mittelmeergebiet ist. Eine Gruppe namens "Ape’s Den", die älteste Gruppe am Felsen, frisst aber lieber Teer aus Straßenschlaglöchern.
Dass die Gruppen eigene Vorlieben haben, zeigt für die Forscher, dass das Verhalten sozial weitergegeben wird. Die Tiere schauen sich das voneinander ab und machen es nach. "Die menschliche Umgebung hat eindeutig Auswirkungen auf das Verhalten der Primaten", so Lemoine. "Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie sie sich an neue Umgebungen anpassen – aber auch, welche langfristigen Folgen dieses neue Verhalten haben könnte."
Welche Auswirkungen das Erdfressen – besonders das Fressen von Teer – auf die Gesundheit der Affen haben wird, ist noch unklar. Die Forscher wollen in Zukunft Kotproben der Makaken untersuchen, um nach Mineralien und möglichen Schadstoffen zu suchen. Gerade bei der Ape’s-Den-Gruppe, die auf Teer steht, könnten negative Folgen nicht ausgeschlossen werden.