Tierisch bedroht

Dieses putzige Tier steht in Österreich vorm Aussterben

Der Feldhamster kämpft ums Überleben – ausgerechnet in Städten wie Wien findet er bessere Bedingungen als am Land.
Heute Tierisch
21.04.2026, 10:18
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Der Feldhamster gehört zu den auffälligsten, aber zugleich am stärksten bedrohten Wildtieren Österreichs. Einst weit verbreitet in der Kulturlandschaft, ist sein Bestand seit Jahrzehnten dramatisch rückläufig. Heute leben nur noch rund 20.000 Tiere im Land, viele regionale Populationen sind bereits verschwunden.

Hauptverantwortlich für diesen Rückgang ist die intensive Landwirtschaft, die dem kleinen Nager zunehmend die Lebensgrundlage entzieht. Was wie ein Paradox klingt: Ausgerechnet die Stadt bietet dem Tier derzeit bessere Überlebenschancen als das Land.

Ein Überlebenskünstler im Miniaturformat

Schon bei der Geburt zeigt sich, wie außergewöhnlich dieser Nager ist. Ein Jungtier wiegt kaum mehr als fünf Gramm – etwa so viel wie eine kleine Münze. Innerhalb weniger Wochen wächst es auf das Vielfache seines ursprünglichen Gewichts heran, eine Entwicklung, die in der Tierwelt ihresgleichen sucht. Dieses enorme Wachstum ist jedoch nur möglich, wenn ausreichend Nahrung zur Verfügung steht. Genau daran mangelt es zunehmend in der freien Landschaft Österreichs.

Die moderne Agrarwirtschaft hat die Lebensbedingungen der Feldhamster grundlegend verändert. Intensiv genutzte Felder lassen kaum noch Samen und Körner zurück, die für den Aufbau von Wintervorräten entscheidend wären. Pestizide vernichten zusätzlich Wildkräuter und Insekten, die als Nahrung dienen.

Gleichzeitig verschwinden strukturreiche Feldränder, und durch zunehmende Bodenversiegelung wird der Lebensraum weiter eingeschränkt. "Wenn wir dem Feldhamster jetzt nicht helfen, wird eines der faszinierendsten Wildtiere unserer Kulturlandschaft in völlig von der Bildfläche verschwinden", warnt Alexios Wiklund, Sprecher des Österreichischen Tierschutzvereins.

Wiens Friedhöfe als Rückzugsort

Während das Land immer unwirtlicher wird, entstehen in der Stadt unerwartete Rückzugsräume. Besonders Friedhöfe und Grünanlagen bieten stabile Lebensbedingungen: selten gemähte Wiesen, wenig Störung und ein reichhaltiges Nahrungsangebot.

Für ihre Feldhamster-Forschung erhielt Dr. Carina Siutz 2019 den Forschungspreis der Deutschen Wildtier Stiftung.
Christine Sonvilla

Das alles ermöglicht eine stabile Population wie Verhaltensforscherin Dr. Carina Siutz von der Universität Wien weiß. Sie erforscht die Feldhamster-Population in der Großstadt Wien intensiv, unter anderem die Auswirkungen von Nahrungsvorräten auf den Winterschlaf und den Fortpflanzungserfolg.

Ernährungsumstellung hilft Feldhamstern

Die Tiere haben sich bemerkenswert an das urbane Umfeld angepasst. Hamsterexpertin Siutz: "Städtischen Feldhamstern steht kein Getreide zur Verfügung, daher sammeln sie für den Winter vor allem Samen und Nüsse wie Eicheln oder Haselnüsse."  Sie finden fast immer Grünpflanzen als Nahrung, besonders Klee und Löwenzahn. Auch Gemüse und Früchte wie Karotten, Kirschen oder Äpfel fressen sie.

WICHTIG! NICHT FÜTTERN!

Feldhamster, warnt die Wissenschaftlerin, sollte man nie zufüttern, da dies ihre natürlichen Feinde (Ratten) anlockt. Auch nicht im Winter. "Das würde ihren energiesparenden Winterschlaf unterbrechen und die Hamster aus sicheren Bauen locken, wo sie Fressfeinden ausgesetzt sind", erklärt Carina Siutz.

Obwohl der Feldhamster in Wien streng geschützt ist, sterben immer wieder Tiere durch Giftköder, illegale Tötungen oder Bauprojekte – besonders Rattengift in privaten Gärten bleibt ein Problem.

Diese veränderte Ernährung wirkt sich sogar positiv auf die Fortpflanzung aus: Stadt-Hamsterweibchen bringen oft mehr Nachwuchs zur Welt als ihre Artgenossen am Land. Voraussetzung ist jedoch ein ausreichender Vorrat an energiereicher Nahrung für den Winter.

In Wien gelten etwa der Zentralfriedhof und der Meidlinger Friedhof als regelrechte "Hamster-Paradiese". Hier finden die Tiere nicht nur ausreichend Nahrung, sondern auch sichere Plätze für ihre unterirdischen Bauten. Zudem gibt es deutlich weniger natürliche Feinde als in der freien Natur.

Schutzmaßnahmen dringend nötig

Trotz dieser Anpassungsfähigkeit bleibt die Situation kritisch. Städte können nur als "Rettungsinseln" dienen, nicht als dauerhafte Lösung. Immer wieder sterben Tiere durch Bauprojekte, Giftköder oder illegale Eingriffe. Besonders problematisch ist der Einsatz von Rattengift in privaten Gärten. Fachleute warnen zudem davor, die Tiere zu füttern, da dies ihren natürlichen Lebensrhythmus stört und zusätzliche Gefahren anlockt.

Der Österreichischer Tierschutzverein fordert daher umfassende Maßnahmen: eine naturverträglichere Landwirtschaft, mehr vernetzte Lebensräume und ein Stopp der fortschreitenden Zersiedelung. Nur wenn sich die Bedingungen auch außerhalb der Städte verbessern, hat der Feldhamster in Österreich langfristig eine Zukunft. Denn so erstaunlich seine Anpassung an das Stadtleben ist – sie allein wird nicht ausreichen, um das Verschwinden dieser Art zu verhindern.

{title && {title} } red, {title && {title} } 21.04.2026, 10:18
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