Immer näher, immer spektakulärer: Videos von Menschen, die Haie anfassen oder ihnen für den perfekten Social-Media-Clip gefährlich nahe kommen, sorgen für Millionen Klicks. Für eine brasilianische Influencerin endete eine solche Begegnung nun blutig. Experten warnen vor einem riskanten Trend.
Plötzlich schnappt der Hai zu. Das rund zwei Meter lange Tier erwischt Tayane Dalazen am Bein und zieht die 37-Jährige für mehrere Sekunden unter Wasser. Erst dann lässt der Hai von ihr ab und die Brasilianerin kann wieder auftauchen. Zurück bleiben Schnittwunden am Oberschenkel – und ein gehöriger Schreck. Gegenüber der BBC bezeichnete Dalazen die Erfahrung als "sehr beängstigend".
Der Vorfall ereignete sich bei einem organisierten Hai-Tauchausflug vor der brasilianischen Küste. Touristen können dort buchen, um den Meeresräubern in freier Wildbahn besonders nahe zu kommen. Auch Dalazen ließ ihren Tauchgang filmen. Ausgerechnet der Moment, in dem der Ammenhai zubeißt, landete später auf ihrem Instagram-Account. Dort erreichte das Video ein Millionenpublikum.
Dalazen betont allerdings, dass sie den Ausflug nicht wegen der sozialen Medien unternommen habe. Sie habe den Hai weder angefasst noch absichtlich provoziert. Allerdings räumt sie ein, den Tieren sehr nahe gekommen zu sein.
Besonders brisant: Während des Ausflugs sollen sich auffällig viele Haie im Wasser befunden haben. Dalazen habe nach eigenen Angaben erst später erfahren, dass die Tiere von den Veranstaltern gefüttert worden seien, um Interaktionen mit den Touristen wahrscheinlicher zu machen.
Der Vorfall ist offenbar kein Einzelfall. Laut BBC wurden allein im vergangenen Jahr mindestens drei Influencer bei Begegnungen mit Haien gebissen. Unter anderem soll ein Content-Creator beim Speerfischen nach einem Angriff durch einen Riffhai beinahe sein Bein verloren haben. Auch ein chinesischer Influencer wurde demnach auf den Malediven gebissen.
Dabei sind Haiangriffe auf Menschen grundsätzlich äußerst selten. Meeresforscher beobachten jedoch mit Sorge einen anderen Trend: Die natürliche Distanz zwischen Mensch und Hai scheint bei manchen Touristen und Content-Creatoren immer kleiner zu werden.
Videos zeigen Menschen, die Haie berühren oder sich sogar auf die Tiere setzen. Die spektakulären Aufnahmen bringen Aufmerksamkeit und Klicks – können aber für Mensch und Tier gefährlich werden.
„Ich sehe solche Videos jetzt jede einzelne Woche, und das ist deutlich mehr als früher.“Kristian PartonHai-Experte, Meeresbiologe gegenüber BBC
Er befürchtet, dass es dadurch künftig zu schweren Zwischenfällen kommen könnte.
Die fünf tödlichsten Haie findest du in unserer Bildergalerie - klick dich durch:
Auch das "International Shark Attack File", das weltweit Begegnungen zwischen Menschen und Haien dokumentiert, beobachtet laut BBC die Entwicklung. Demnach seien in den vergangenen drei Jahren auffällig viele Menschen gebissen worden, während sie versucht hätten, Haie zu filmen.
Im Fall von Dalazen handelte es sich um einen Ammenhai, der Menschen gegenüber als vergleichsweise wenig gefährlich gilt. Doch im Netz kursieren auch Aufnahmen von Menschen, die deutlich größeren und potenziell gefährlicheren Arten nahekommen. Manche filmen sich sogar dabei, wie sie Tigerhaie oder Weiße Haie berühren.
Für Parton hat ein solches Verhalten wenig mit Naturschutz zu tun. Wer auf einen Hai zugehe, ihn anfasse oder auf ihm reite, zeige letztlich, vor allem eines: ein Wildtier, das von einem Menschen bedrängt werde. Der Fall von Tayane Dalazen macht deutlich, wie schnell eine vermeintlich spektakuläre Begegnung kippen kann. Haie sind keine Requisiten für den perfekten Clip, sondern Wildtiere – und genau diese Distanz sollten Menschen auch respektieren.