Auf den ersten Blick könnte man eine Seegurke für eine etwas traurig geratene Wurst auf dem Meeresboden halten. Doch der Eindruck täuscht gewaltig. Die kuriosen Tiere können Angreifer mit klebrigen Innereien beschießen, ihre Haut beinahe auf Knopfdruck verhärten und beherbergen mitunter sogar kleine Fische in ihrem Hinterteil. Und ganz nebenbei halten sie auch noch den Meeresboden sauber.
Wer eine Seegurke fressen möchte, sollte sich das besser zweimal überlegen. Die Tiere produzieren Giftstoffe wie Holothurin, die ihnen viele Fressfeinde vom Leib halten. Das Gift kann bei Kontakt starke, brennende Schmerzen verursachen. Gelangt eine größere Menge in den Körper, sind unter anderem Muskelkrämpfe, Lähmungserscheinungen und Verdauungsbeschwerden möglich. In hoher Dosis kann es sogar lebensgefährlich werden.
Kein Wunder also, dass die meisten Meeresbewohner lieber einen Bogen um Seegurken machen. Einige hoch spezialisierte Räuber lassen sich davon allerdings nicht abschrecken. Große Meeresschnecken wie Tonna galea und Tonna perdix können Seegurken mit ihrem eigenen Gift überwältigen und anschließend verschlingen.
Als wäre Gift nicht schon genug, haben einige Seegurken noch eine wesentlich spektakulärere Verteidigungsstrategie entwickelt: Sie schleudern Angreifern Teile ihres Innenlebens entgegen. Bei Gefahr ziehen sie ihren Körper kräftig zusammen und stoßen weiße, extrem klebrige Fäden aus. Diese können sich am Angreifer festsetzen und ihn ordentlich beschäftigen, während sich die Seegurke in ihrem ganz eigenen Tempo aus dem Staub macht.
Besonders erstaunlich: Was dabei verloren geht, wächst wieder nach. Innerhalb weniger Wochen kann die Seegurke fehlende Organe regenerieren. Bis dahin muss sie allerdings ohne diesen außergewöhnlichen Abwehrtrick auskommen.
So skurril Seegurken auch wirken, für das Ökosystem sind sie ausgesprochen wichtig. Mit ihren Tentakeln am Vorderende nehmen sie Sediment vom Meeresboden auf – samt Kalkresten, abgestorbenem Riffmaterial und Ausscheidungen anderer Tiere. Im Verdauungstrakt wird das Material verarbeitet und anschließend wieder ausgeschieden. Dabei wird das Sediment unter anderem mit Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor angereichert. Vereinfacht gesagt: Seegurken saugen Dreck ein und hinterlassen aufbereiteten Meeresboden. Eine ziemlich effektive Unterwasser-Putzkolonne.
Biologisch betrachtet gehören Seegurken, ebenso wie die Seesterne und die Seeigel zu den sogenannten "Stachelhäutern". Im Körperbau der Seegurke steckt also ursprünglich die für diese Tiergruppe typische fünfstrahlige Symmetrie. Im Laufe der Evolution passten sich die Tiere allerdings an das Kriechen über den Meeresboden an. Dadurch entwickelten sie einen länglichen Körper mit einem klaren Vorder- und Hinterende.
Wer glaubt, die Geschichte mit den herausgeschleuderten Innereien sei bereits der Höhepunkt, kennt den Eingeweidefisch noch nicht. Auf und in Seegurken können zahlreiche andere Organismen leben – darunter kleine, längliche Fische, die ein wenig an Aale erinnern.
Und ihr Eingang zur Unterkunft ist ausgesprochen ungewöhnlich: Manche Eingeweidefische schwimmen rückwärts in den After der Seegurke und suchen im Körperinneren Schutz. Je nach Art und Beziehung zum Wirt können sie dort Nahrung finden oder die Seegurke schlicht als sicheres Versteck nutzen.
Während die einen in der Seegurke eine glitschige Meereswurst sehen, erkennen andere darin eine teure Delikatesse. Vor allem in Teilen Asiens werden bestimmte Arten als Luxuslebensmittel gehandelt. Getrocknete Exemplare besonders begehrter Arten können enorme Preise erzielen. Der japanischen Stachelseegurke wurden Berichten zufolge Marktpreise von bis zu mehreren Tausend US-Dollar pro Kilogramm zugeschrieben.
Hinzu kommt die Verwendung in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Seegurken werden dort mit verschiedenen gesundheitlichen Wirkungen in Verbindung gebracht. Für weitreichende Versprechen wie eine Wirkung gegen Krebs oder Demenz gibt es jedoch keine belastbaren wissenschaftlichen Belege.