Ein kurzer Blick aufs Handy, schnell einen Song am Autodisplay auswählen – und schon kann es gefährlich werden. Die Folgen werden offenbar massiv unterschätzt: Nach Ansicht des Allianz Zentrums für Technik (AZT) ist inzwischen mindestens jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen, erheblich mehr, als bisher angenommen.
Für die Untersuchung hat die Allianz unter anderem mehr als 34.000 Verkehrsunfälle in Deutschland analysiert, Fahrversuche durchgeführt und Autofahrer in neun Ländern befragt. Auch zahlreiche wissenschaftliche Studien wurden ausgewertet.
Wie gefährlich ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit werden kann, belegen auch Computersimulationen. Dabei untersuchten die Experten vier kritische Verkehrssituationen mit aufmerksamen, abgelenkten und alkoholisierten Lenkern.
Das erschreckende Ergebnis: In allen vier Situationen schnitten abgelenkte Fahrer schlechter ab als Lenker mit 0,8 Promille Alkohol im Blut, so die Allianz.
Bei einem plötzlichen Bremsmanöver auf der Autobahn etwa stieg der Anteil der Kollisionen in den Simulationen von 18,2 Prozent bei aufmerksamen Lenkern auf 54,3 Prozent bei abgelenkten Fahrern.
In einem Szenario, in dem ein Kind unvermittelt die Straße betritt, erhöhte sich die Unfallquote von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent. Besonders alarmierend: Bei 39 Prozent dieser Fälle reagierten die abgelenkten Lenker überhaupt nicht.
Auch wie verbreitet gefährliche Angewohnheiten sind, zeigt die Studie. In Österreich gaben 59 Prozent der befragten Lenker zu, während der Fahrt "zumindest selten" (40 Prozent) bzw. "zumindest gelegentlich" (19 Prozent) Nachrichten auf einem in der Hand gehaltenen Smartphone zu schreiben.
Dabei wissen die meisten um die Gefahr: 85 Prozent der österreichischen Befragten sehen es laut Allianz vor allem als eigene Verantwortung, Ablenkung am Steuer zu vermeiden. 59 Prozent sprechen sich sogar für höhere Strafen aus.
Doch nicht nur Handys sind ein Problem. Auch die großen Bildschirme in modernen Autos können zur Gefahr werden. Immer mehr Funktionen, die früher mit einem einfachen Handgriff bedient wurden, verstecken sich heute in Bildschirmmenüs.
Laut Allianz dauerte der Wechsel eines Radiosenders in einem typischen Mittelklassewagen Mitte der 2000er-Jahre noch 2 bis 3 Sekunden. Bei einem vergleichbaren aktuellen Modell kann der Blick auf den Bildschirm bereits 5 bis 10 Sekunden beanspruchen.
Was das bedeutet, rechnen die Experten vor: Wer bei Tempo 50 nur 3 Sekunden auf ein Display statt auf die Straße schaut, legt rund 42 Meter praktisch im Blindflug zurück. Bei Tempo 100 sind es sogar 83 Meter.
Allerdings sind nicht alle Bildschirme gleich gefährlich. Bei Fahrversuchen mit 2 Elektroautos war die Zeit, in der Lenker nicht auf die Straße schauten, beim besser gestalteten System um bis zu 25 Prozent kürzer. Fazit des AZT: Nicht der Touchscreen selbst ist das Problem, sondern die Art, wie Funktionen in das Bedienkonzept des Fahrzeugs integriert werden.
79 Prozent der befragten Österreicher sind der Meinung, dass die Ablenkung durch Fahrzeugtechnik in den vergangenen Jahren zugenommen hat. 66 Prozent hätten bestimmte Funktionen lieber wieder über klassische Knöpfe und Drehregler statt ausschließlich über Bildschirme bedient.
Dabei handelt es sich keineswegs nur um einen Wunsch älterer Autofahrer. Auch bei den 18- bis 25-Jährigen sprechen sich laut Allianz 67 Prozent für klassische Bedienelemente aus.
Die Allianz fordert deshalb, dass wichtige Funktionen wie Blinker, Scheibenwischer, Beleuchtung und Warnblinkanlage schnell und möglichst ohne Blickabwendung bedient werden können. Zusätzlich brauche es für eine sichere Fahrzeugbedienung verbindliche Empfehlungen, welche Funktionen über physische Schalter und welche über Touchscreen gesteuert werden sollen, so Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik.