Österreichs neuer Generalstabschef Harald Vodosek (62) zeichnet ein ernstes Bild der Bedrohungslage. "Im Cyberraum haben wir pro Tag mindestens 100.000 Angriffe auf unsere Server – und das ist die Untergrenze", sagt er im Interview mit dem "Standard".
Hybride Bedrohungen seien bereits Realität. Neben Cyberattacken nennt Vodosek gezielte Falschinformationen, mit denen Einfluss auf die Politik genommen werden soll. Die Bedrohung Österreichs durch hybride Kriegsführung aus Moskau stuft er als "mittel bis hoch" ein.
Drohnen- und Cyberangriffe sind aus Sicht des Generalstabschefs derzeit die größten Gefahren. Attacken richteten sich gegen das Heer, aber auch gegen kritische Infrastruktur wie Energie- und Gesundheitsversorger.
"Mit Cyberattacken lassen sich auch die Strom-, Gas- oder Wasserversorgung außer Gefecht setzen. Und wenn eine Stadt wie Wien eine oder zwei Wochen keinen Strom hat, hat das Konsequenzen auf vielen Ebenen". Auch Blackouts in Nachbarländern könnten Österreich treffen.
"All das soll unsere demokratischen Gesellschaften destabilisieren und unser Gesellschaftssystem herausfordern", mahnt der Berufsoffizier. Er attestiert Österreich aber zugleich eine gewisse Widerstandsfähigkeit: Eine gut organisierte Gesellschaft und eine breite demokratische Mitte könnten Angriffen auf das politische System entgegenwirken.
Ähnlich im Tenor ist ein Mittwochfrüh veröffentlichter Kommentar von Matthias Wasinger, Oberst des Generalstabsdienstes: "Ein Heer kann heute besiegt werden, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Wenn Cyberangriffe Führung, Kommunikation oder Logistik lahmlegen, verliert eine Streitkraft ihre Handlungsfähigkeit. Für das Bundesheer heißt das: Cyberabwehr ist keine IT-Frage. Sie ist Gefechtsfähigkeit."
Beim Ausbau des Bundesheers setzt Vodosek klare Prioritäten: Luftverteidigung und Cyberraum stehen an erster Stelle. Am Regierungsziel, die Verteidigungsausgaben bis 2032 auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, zweifelt er nicht. Wegen der Budgetlage müssten jedoch einzelne Vorhaben verschoben werden.
Große Beschaffungen wie die Eurofighter-Nachfolge und die bodengebundene Luftabwehr sollen zunächst mit der Regierung diskutiert und anschließend budgetiert werden.
Für die Nachfolge der derzeit 15 Eurofighter hält der Generalstabschef 36 Flugzeuge für eine angemessene Zahl. Diese Einschätzung beruhe auf Bedrohungsszenarien und berücksichtige auch wirtschaftliche Aspekte. "Mit den aktuell 15 Eurofightern können wir unseren Luftraum zwar überwachen, aber nicht verteidigen", sagt Vodosek. Wie viele Jets tatsächlich angeschafft werden, sei politisch zu entscheiden.
Auch beim diskutierten Wehrdienstmodell "6+1+2" sieht Vodosek Möglichkeiten für eine gute Ausbildung. Vorgesehen wären sechs Monate Grundwehrdienst, ein unmittelbar anschließender Übungsmonat und später insgesamt zwei Monate Milizübungen.
Gegenüber der Empfehlung der Wehrdienstkommission gingen zwar vier Wochen Übungszeit verloren. Durch eine konzentrierte Ausbildung in größeren Verbänden ließen sich dennoch gute Ergebnisse erzielen, erklärt der Generalstabschef.