"Müssen wir wohl loslassen"

Klimaforscherin rüttelt an Auto und Eigenheim

Eigenes Auto, Einfamilienhaus und Skiurlaub: Laut Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb werden wir uns von manchen Gewohnheiten verabschieden müssen.
21.10.2026, 14:42
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Eigenes Auto, Einfamilienhaus im Grünen und Skiurlaub: Für viele Österreicher gehören diese Dinge zum gewohnten Lebensstil. Doch nach Ansicht von Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb (77) werden wir uns künftig von manchen dieser Vorstellungen verabschieden müssen.

Im Interview mit den "Salzburger Nachrichten" spricht die renommierte Wissenschafterin über die Folgen des Klimawandels, die Zukunft des Wintertourismus und darüber, warum weniger Konsum aus ihrer Sicht nicht automatisch weniger Lebensqualität bedeutet.

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"Privat-Pkw und Einfamilienhaus loslassen"

Kromp-Kolb beschäftigt sich seit mehr als fünf Jahrzehnten mit dem Klimawandel. Obwohl sich die Forschung zur menschlichen Ursache einig ist, blüht das Geschäft mit der Desinformation. Immer noch gibt es Menschen, die sich die Auswirkungen der Treibhausgas-Emissionen nicht eingestehen wollen.

"Ich glaube, dass sie sich vor den Konsequenzen scheuen, die man ziehen muss, wenn man das zugibt. Weil man lieb gewonnene Gewohnheiten aufgeben muss und Ziele und Hoffnungen. Vor dieser Veränderung haben einfach sehr viele Menschen Angst. Ich glaube, das läuft unbewusst ab", sagt sie im Interview.

Die jährliche Durchschnittstemperatur Österreichs hat stark zugenommen.
Ed Hawkins / University of Reading, CC BY 4.0

Für die 77-Jährige steht fest, dass die Gesellschaft nicht nur technische Lösungen suchen, sondern auch gewohnte Lebensweisen hinterfragen müsse. Auf die Frage, was wir künftig aufgeben sollten, verweist sie auf Überlegungen des britischen Wissenschafters Jem Bendell. Er stellt drei Fragen in den Raum: Was ist uns wirklich wichtig? Dazu gehören für mich Freiheit und Frieden. Was lassen wir los?

Die Antwort der renommierten Wissenschaftlerin zu den aus ihrer Sicht notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen fällt deutlich aus: "Da gehört der Wintersport in mittleren Lagen auf jeden Fall dazu, aber wahrscheinlich auch der Privat-Pkw und ziemlich sicher das Einfamilienhaus im Grünen".

Skifahren wird immer teurer

Besonders stark betroffen sieht die Klimaforscherin den österreichischen Wintertourismus. Skifahren werde künftig nur noch während kürzerer Zeiträume, in höheren Lagen und möglicherweise nicht mehr in jedem Winter möglich sein.

Viele Skigebiete würden dennoch versuchen, ihr bisheriges Geschäftsmodell mit zusätzlichen Beschneiungsanlagen und höher gelegenen Liften aufrechtzuerhalten. Kromp-Kolb bezweifelt, dass das langfristig ausreichen wird.

Steigende Kosten könnten den Wintersport zunehmend zu einem Angebot für zahlungskräftigere Gäste machen. Auch bei Urlaubern, die mit dem Flugzeug anreisen, erwartet sie Veränderungen, wenn Treibstoffe teurer werden.

"Das heißt, es muss sich etwas ändern. Dieses Verschließen vor der Entwicklung ist das Hauptproblem, weil aufhalten lässt sie sich nicht. Das heißt nicht, dass Österreich im Winter nichts mehr zu bieten haben wird. Aber es wird etwas anderes sein."

Nur noch jedes zweite Jahr fliegen?

Auch bei Flugreisen plädiert Kromp-Kolb für mehr Zurückhaltung. Ein generelles Ende des Fliegens fordert sie nicht. Es gebe schließlich Situationen, in denen ein Flug sinnvoll oder die einzige praktikable Möglichkeit sei. Als Beispiel nennt sie Studierende aus Asien, die während der Ferien ihre Familien besuchen möchten.

Anders beurteilt sie Flugreisen aus Bequemlichkeit oder Prestigegründen. "Vielleicht nicht jedes Jahr fliegen, nur jedes zweite Jahr", schlägt sie vor. Entscheidend sei ein vernünftiges Maß, das sich an der tatsächlichen Notwendigkeit orientiere.

Kritik an FPÖ-Chef Herbert Kickl

Im Gespräch äußert sich die Klimaforscherin auch zur Haltung von FPÖ-Chef Herbert Kickl. Sie hält ihn für intelligent genug, die wissenschaftlichen Zusammenhänge des Klimawandels zu verstehen. Allerdings vermutet sie, dass er andere politische Prioritäten setze: "Solange er glaubt, dass er damit seiner Partei und seinen politischen Ambitionen etwas Gutes tut, wenn er den Klimawandel verharmlost, wird er das machen."

Einen Widerspruch sieht Kromp-Kolb darin, dass sich die FPÖ als Heimatpartei versteht, ihrer Ansicht nach aber zu wenig für Natur- und Klimaschutz einsetzt. "Es ist auch ein Widerspruch, dass man sich nicht für den Klimaschutz einsetzt, wenn man Migration verhindern will", sagt sie.

Ihr düstere Einschätzung: "Die FPÖ tut das, was Wählerstimmen bringt, ohne tiefere Überzeugung dahinter. Beim Naturschutz ist das besonders schlimm. Manche Sachen kann man rückgängig machen, da verliert man nur Zeit. Aber was zerstört ist, kann man nicht wiedergutmachen."

Sie hofft, dass die Partei den Klimaschutz eines Tages doch stärker aufgreift: "Ich kann mir auch vorstellen, dass er das schlagartig umstellt, wenn es sein politisches Kalkül verlangt. Dass dann Klimaschutz ganz vorne steht, vielleicht unter dem Titel Heimatschutz."

Was bedeutet eigentlich Lebensqualität?

Trotz ihrer Warnungen blickt die Wissenschafterin nicht ausschließlich pessimistisch in die Zukunft. Sie verbindet den notwendigen Wandel mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Denn Lebensqualität hänge ihrer Ansicht nach nicht in erster Linie vom Einkommen oder vom Besitz möglichst vieler Dinge ab. Wichtiger seien Familie, Freundschaften, Zeit, Kultur und die Möglichkeit, sich in der Natur aufzuhalten.

Kromp-Kolb nennt auch praktische Fähigkeiten, die früher selbstverständlicher gewesen seien: kochen, nähen oder kaputte Gegenstände reparieren. Darin sieht sie Möglichkeiten, unabhängiger und ressourcenschonender zu leben.

"Das ist Unsinn"

Die Klimaforscherin kritisiert insbesondere die Vorstellung, dass Wohlstand vor allem durch immer größeren materiellen Besitz definiert werde. Am Ende des Lebens, so ihre Beobachtung, würden Menschen selten von einem größeren Fernseher oder einem leistungsstärkeren Auto träumen. Vielmehr gehe es um einfache Erlebnisse und persönliche Beziehungen.

Ihre Hoffnung: Wenn sich eine Gesellschaft auf gemeinsame Ziele verständigt, könnten notwendige Veränderungen auch zu einem Gewinn an Lebensqualität führen.

"Mein Zukunftsbild ist keines, wo wir das Schlechte verhindert haben und so recht und schlecht leben, sondern eines, wo es uns besser geht als jetzt. Jetzt wird uns eingeredet, dass unsere Lebensqualität von den Finanzen abhängt, aber das ist Unsinn."

Der Klimawandel verlangt nach Ansicht der 77-Jährigen damit nicht bloß Verzicht, sondern vor allem eine neue Vorstellung davon, was ein gutes Leben ausmacht

red, 21.10.2026, 14:42
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