Eine aktuell viel diskutierte Dokumentation rund um den Rapper Haftbefehl sorgt für Aufsehen – vor allem ein Detail lässt viele fassungslos zurück: Er berichtet, er habe bereits mit 13 Jahren Kokain konsumiert. Für Experten in der Steiermark sind derart frühe Kontakte zu harten Drogen jedoch keine Ausnahme.
Am Zentrum für Suchtmedizin des LKH Graz II, Standort Süd, kennt man ähnliche Biografien nur allzu gut. "Vor allem, wenn erbliche Belastung oder Umweltfaktoren wie Erziehung, das soziale Umfeld und der Zugang zu Substanzen dazu passen, haben viele Patienten mitunter schon mit zehn, oder elf mit dem Konsum begonnen", erklärt Ian Seemann, Leiter der Tagesklinik für Suchtmedizin gegen der "Kleinen Zeitung".
Ganz so dramatisch stellt sich die Lage laut Isabel Böge, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am selben Standort, in der Steiermark zwar nicht dar. Doch auch sie beobachtet, dass die Altersgrenze sinkt – selbst beim Kokainkonsum. "Früher wurden die harten Drogen nur bei den 16- bis 17-Jährigen gesehen, jetzt haben wir auch schon Kinder im Alter von elf bis zwölf Jahren, aber das sind wirklich absolute Einzelfälle", sagt sie.
Das durchschnittliche Einstiegsalter liege mittlerweile bei 14 bis 15 Jahren. Positiv sei immerhin, dass die Zahl der betroffenen Minderjährigen nicht zunehme.
Dass immer jüngere Kinder Substanzen ausprobieren, ist laut Böge vor allem ein Lernprozess: "Es fängt an mit dem normalen Rauchen, zum Teil schon mit zehn oder elf Jahren. Rauchen prädisponiert für Alkohol, Alkohol für Cannabis und Cannabis für härtere Drogen."
Ein weiterer wesentlicher Faktor sei das Umfeld. "Oft bekommen sie die ersten harten Drogen im Freundeskreis weitergereicht, darüber lernen sie natürlich auch, wie man da drankommt", erklärt die Expertin. Was als Ausprobieren beginnt, könne sich – sofern die Erfahrung als positiv erlebt wird – schnell verselbstständigen. "Suchtmittelstörungen haben weniger eine primäre genetische Prädisposition, sondern vielmehr einen Lerneffekt, von anderen Jugendlichen oder den Eltern."
Besonders gefährlich wird es, wenn Minderjährige die Wirkung der Substanzen nicht einschätzen können. "Man hat immer wieder Kinder, die gar nicht suizidal sind oder sich bewusst wegbeamen wollten, sondern einfach die Dosis falsch eingeschätzt haben", warnt Böge.
Die wenigsten würden aus reiner Spaßlust zu Drogen greifen. Zwar sei etwa Cannabis auf Partys weit verbreitet, doch diese Gruppe zähle selten zu den Abhängigen. Häufig steckten dahinter andere Belastungen wie Mobbing oder traumatische Erfahrungen. Viele Betroffene berichten, dass sie sich unter dem Einfluss von Drogen offener und lockerer fühlen – ein kurzzeitiger Effekt, der den Konsum verstärken kann.
In der Therapie gehe es daher vor allem darum, die zugrunde liegenden Probleme zu bearbeiten. Jüngere seien grundsätzlich empfänglicher für Hilfe und eher vom Konsum abzubringen. Allerdings verlaufe der Weg selten linear: "Motivation für eine Abstinenz ist oft sehr wechselnd. An einem Tag gibt es Einsicht, am anderen ist die Droge wieder toll. Da kommt es auf die Ausdauer des Therapeuten und das kontinuierliche, sehr klare Angebot an", sagt Böge.