Kokain ist zurück und sichtbarer denn je. In der derzeit gehypten Netflix-Doku "Babo – die Haftbefehl-Story" wird deutlich, wie der Koks-Konsum in bestimmten Szenen längst zur Normalität geworden ist. Doch der Trend reicht weit über den Rap-Kosmos hinaus: In Clubs, Büros und Alltagssituationen steigt der Griff zum Pulver erneut an. Martin Busch, Leiter des Kompetenzzentrums Sucht der Gesundheit Österreich, erklärt "Heute", wieso Kokain ein Drogen-Revival durchmacht und wie gefährlich der Konsum wirklich ist.
Für Busch hat das Koks-Comeback mehrere Gründe: "Zum einen gibt es eine hohe Verfügbarkeit. Die Droge ist eines der wenigen Dinge in der heutigen Zeit, die nicht teurer geworden ist. Im Gegenteil: Der Preis ist sogar leicht gesunken, die Qualität dafür gestiegen. Zusätzlich liegt es wahrscheinlich auch am Trend der Zeit: Alles wird schneller und muss 'perfekter' funktionieren – da sind aufputschende Substanzen sehr gefragt."
Häufiger wird die Drogen auch genommen: "Der Konsum nimmt zu: Daten zeigen, dass drei Prozent der Gesamtbevölkerung Österreichs im Jahr 2015 bereits einmal in ihrem Leben Kokain probiert haben, 2022 sind es schon sechs Prozent gewesen." Vom Milieu hängt der Drogenkonsum auch ab: In der jetzigen Partyszene ist Kokain besonders präsent, früher waren Ecstasy und Amphetamine die "it"-Drogen, verrät der Psychologe.
Trotz des Booms konsumieren eher Männer die Droge: "Die Prävalenz ist bei diesen höher als bei Frauen. So haben bei einer Repräsentativbefragung im Jahr 2021 2,2 Prozent der Männer und 1,6 Prozent der Frauen angegeben, im letzten Jahr Kokain konsumiert zu haben", erläutert der Epidemiologie-Experte.
In erster Linie putscht die Droge auf, abhängig von Kokain wird man auch schnell. "Ab einem gewissen Zeitpunkt überwiegen die Entzugserscheinungen: Man beginnt immer öfter die Droge zu nehmen, weil der Körper sich daran gewöhnt. Dann wird Kokain in kürzeren Abständen konsumiert – und eigentlich auch nur mehr, um die negativen Wirkungen, die Entzugserscheinungen, zu überbrücken", so Busch.
Während die Koksnase verrät, dass jemand schon länger mit der Abhängigkeit lebt oder lebte, fällt besonders das Verhalten jener auf: "Beim Konsum werden die Menschen plötzlich sehr euphorisch und überschätzen sich selbst. Das zeigt sich zum Beispiel in gefährlichem Verhalten im Straßenverkehr oder auch in riskanten Sexualpraktiken: Man verhütet nicht mehr oder geht mit Menschen ins Bett, mit denen man wahrscheinlich nüchtern nicht verkehren würde. Und nach der Hochphase kommt die depressive Verstimmung", betont der Leiter.
"Man nimmt Risiken in Kauf und verliert die Einschätzung der eigenen Grenzen – man macht Dinge, die man im Nachhinein bereut."
In Österreich existieren gute Behandlungsmöglichkeiten, wie eine Substitutionstherapie, für ein Opioidproblem gibt - für Kokainabhängige existiert sowas nicht: "Es gibt zwar andere Therapiemöglichkeiten, aber eine 'Erfolgsgeschichte' wie die Substitutionstherapie – immerhin befindet sich über die Hälfte der Menschen mit einem Opioidproblem in Substitutionsbehandlung – gibt es nicht", erklärt Busch. Laut ihm werden Menschen nicht grundlos süchtig: "Da steckt meistens eine psychische Problematik, die schon vorher bestanden hat, dahinter. Hier muss man versuchen, das Problem anzugehen, damit man die Droge nicht mehr 'braucht'."
Die körperliche Abhängigkeit kann relativ schnell in einer Entgiftung überwunden werden, die Psyche kämpft mit dem Entzug meist länger: "Dies hat auch ziemlich viel mit der Persönlichkeit zu tun oder mit dem, was man erlebt hat. Wenn man an diesen Gründen arbeitet, dann kann man seine Sucht loswerden – auch nach einer langen Drogenvergangenheit. Schwierig ist es dennoch: Die Erfolgsquoten sind nicht unbedingt sehr hoch, aussichtslos ist es aber nie", so der Psychologe.
"Der Selbstschutz ist das Allerwichtigste, dieser sollte immer im Vordergrund stehen. Man kann beratend tätig sein und dem Menschen zeigen, dass er einem am Herzen liegt und möchte, dass er Hilfe sucht", meint Busch. Zudem betont er auch, aufzupassen, nicht in ein co-abhängiges Verhalten zu 'driften' und "eine Rolle in einem von der Suchterkrankung diktierten System einzunehmen."
"Außerdem sollten auch Angehörige von Betroffenen schnell in eine Beratung gehen – auch als Angehörige braucht man fachliche Unterstützung, um mit einer solchen Situation gut umgehen zu können", empfiehlt der Psychologe schließlich.