E-Auto-Trend verschlafen

Krise eskaliert! Autobauern droht gewaltiger Verlust

Nicht die China-Konkurrenz, sondern Fehlentscheidungen haben die EU-Autowirtschaft in eine tiefe Krise gestürzt. Zu diesem Schluss kommt eine Studie.
Team Wirtschaft
12.10.2026, 08:47
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Die Krise der europäischen und insbesondere der deutschen Automobilindustrie ist zu einem guten Teil hausgemacht – und ist nicht nur eine Folge von schwacher Nachfrage, chinesischer Konkurrenz und des teuren Übergangs zur Elektromobilität. Zu diesem Ergebnis kommt eine Branchenstudie des Kreditversicherers Allianz Trade.

Konkret sei zu lange Geld in bestehende Verbrennerplattformen, kurzfristige Margenziele und Dividenden geflossen, während Investitionen in Elektrifizierung und Digitalisierung zu spät kamen. "Als die Autobauer das Kapital schließlich umgeschichtet haben, um Zukunftsthemen anzugehen", sei es, so Guillaume Dejean, Branchenexperte bei Allianz Trade, "mit der Gießkanne auf zu viele Vorhaben verteilt worden".

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Autobauer bremsen massiv bei Investitionen

Auch die aktuelle Investitionsentwicklung verschärft laut Analyse das Problem. Tatsächlich seien die Investitionen der europäischen Automobilhersteller 2026 um rund ein Fünftel eingebrochen, der stärkste Rückgang seit 2018. Ganz anders die übrigen europäischen Großkonzerne: Sie steigerten ihre Investitionen um rund 10 Prozent.

"Der Einbruch kommt genau zu dem Zeitpunkt, an dem softwaredefinierte Fahrzeuge, KI und autonomes Fahren die Wettbewerbsbedingungen neu ordnen", sagt Dejean. "Europas Autoindustrie braucht aber nicht unbedingt mehr Kapital, sondern vor allem eine klare Strategie und Prioritätensetzung."

Konkret genannt werden etwa weniger parallele Fahrzeugplattformen, gemeinsame vorwettbewerbliche Forschung, Partnerschaften bei Batterien und Halbleitern sowie gezielte Investitionen in Chipdesigns, KI- und Cloud-Infrastruktur und softwarebasierte Geschäftsmodelle.

Düstere Prognose: Milliarden in Gefahr

Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigt laut der Analyse die Entwicklung der deutschen Hersteller. Ihre Wertschöpfung je verkauftem Fahrzeug in Europa lag im ersten Halbjahr 2026 um rund 30 bis 45 Prozent niedriger als 2021/22. Gleichzeitig verloren sie seit 2021 rund 10 Prozentpunkte Marktanteil in Europa und 7 Prozentpunkte in China.

Schon kleine weitere Marktanteilsverluste könnten erhebliche Folgen haben, rechnet Milo Bogaerts vor, CEO von Allianz Trade in Österreich, Deutschland und der Schweiz: Sollten die Hersteller bis 2030 in beiden Märkten jeweils weitere 3 Prozentpunkte verlieren, wären rund 3 Milliarden Euro Wertschöpfung gefährdet.

China erhöht auch in Europa den Druck

Gleichzeitig wächst, so die Analyse, der Wettbewerbsdruck chinesischer Hersteller auf dem europäischen Heimmarkt. Ihr Marktanteil an den Neuzulassungen erreichte demnach Mitte 2026 annähernd 10 Prozent. Bei batterieelektrischen Fahrzeugen waren es 16 Prozent, bei Plug-in-Hybriden sogar 26 Prozent.

Auch auf dem Pariser Autosalon zeigt sich die Entwicklung: Dort stellen chinesische Marken mittlerweile 50 Prozent der Aussteller (2024 waren es 23 Prozent), während europäische Hersteller nur noch auf 40 Prozent kommen.

Europäische E-Autos überraschend konkurrenzfähig

Die Studie zeigt allerdings auch einen Lichtblick: Im preisgünstigsten Segment der Limousinen und Kleinwagen unter 50.000 Euro bieten europäische Modelle auf dem EU-Markt derzeit ein um 3 bis 5 Prozent besseres Preis-Reichweiten-Verhältnis als die China-Konkurrenten.

"Kleine und städtische Elektroautos aus Europa müssen sich beim Preis-Leistungs-Verhältnis nicht verstecken", sagt Dejean. "Ihr Problem liegt weniger in der Wettbewerbsfähigkeit im Heimatmarkt als in den begrenzten Exportchancen."

2.000 Euro Aufschlag durch "Made in Europe"

Kritisch beurteilt Allianz Trade Versuche der Politik, die Batterieproduktion mit strengen Auflagen abzuschotten. Ein verpflichtendes "Made in Europe"-Siegel für Akkus würde die Kosten eines Batteriepakets bzw. den Fahrzeugpreis um rund 2.000 Euro oder etwa 5 Prozent in die Höhe treiben. Zudem könnte die europäische Zellproduktion bis 2035 selbst im besten Fall gerade einmal rund die Hälfte der Nachfrage decken.

"Vollständige Autarkie ist weder kurzfristig realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll", sagt Dejean. "Stattdessen sollte Europa Partnerschaften nutzen und Kapital gezielt auf neue Technologien wie Festkörperbatterien konzentrieren, bei denen Chinas Vorsprung noch nicht ähnlich verfestigt ist."

Wo die Milliarden-Chancen für Autobauer liegen

Um die drohenden Löcher zu stopfen, empfiehlt die Analyse eine Ausrichtung auf attraktive Zukunftsmärkte. Großes Potenzial steckt demnach in der Fahrzeugsoftware, deren weltweiter Markt bis 2035 auf 464 Milliarden Euro anwachsen soll.

Gleichzeitig sieht die Studie Chancen für EU-Hersteller abseits des Robotaxi-Marktes. "Für europäische Hersteller liegen die Chancen eher im autonomen Güterverkehr, in der Logistik und im öffentlichen Nahverkehr als in einem direkten Robotaxi-Wettlauf mit etablierten US-amerikanischen und chinesischen Anbietern", meint Dejean.

Aber auch Wachstumsfelder wie beispielsweise die Verteidigungsindustrie könnten Lösungen für sinkende Produktionsauslastungen bieten – "gerade für deutsche Hersteller".

tmw,Akt. 12.10.2026, 09:06, 12.10.2026, 08:47