Nach einem langen Anlauf ist der Durchbruch gelungen: Die Europäische Union und Australien haben ihre wirtschaftlichen Beziehungen auf eine neue Stufe gehoben. In Canberra setzten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Australiens Premierminister Anthony Albanese am Dienstag ihre Unterschriften unter ein umfassendes Handelsabkommen.
Der Deal zielt darauf ab, den Austausch zwischen beiden Partnern deutlich zu erleichtern. Zölle sollen wegfallen, Dienstleistungen einfacher gehandelt und Investitionen auf beiden Seiten gefördert werden. Aus Sicht der EU könnte das Abkommen einen kräftigen Schub bringen:
Innerhalb von zehn Jahren wird ein Exportplus von rund einem Drittel erwartet. Besonders stark profitieren könnten Branchen wie die Milch- und Autoindustrie, die jeweils mit Wachstumsraten von etwa 50 Prozent rechnen. Australien wiederum will neue Absatzmärkte für seine landwirtschaftlichen Produkte erschließen und sich breiter aufstellen.
Neben dem Handel rückt auch die strategische Zusammenarbeit stärker in den Fokus. Beide Seiten vereinbarten eine engere Kooperation im Verteidigungsbereich sowie beim Zugang zu kritischen Rohstoffen. Gerade Letztere sind für Europa von zentraler Bedeutung: Australien zählt zu den wichtigsten Produzenten von Aluminium, Lithium und Mangan – Materialien, die für Industrie, Energiewende und technologische Entwicklung unverzichtbar sind. Die EU-Kommission betonte, die Vereinbarung solle den Markt für europäische Unternehmen stabiler und planbarer machen.
Von dem Abkommen soll laut Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) auch Österreich stark profitieren: "In Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen müssen wir unsere Abhängigkeiten reduzieren und neue, verlässliche Partner aufbauen – genau das gelingt mit Australien. Für Österreich bedeutet das vor allem neue Exportchancen in zentralen Industriebereichen wie Maschinenbau, Anlagenbau, Umwelttechnologien und Mobilitätslösungen sowie eine stärkere Absicherung bei kritischen Rohstoffen wie Lithium und Seltenen Erden. Jetzt braucht es Tempo: Das Abkommen muss rasch ratifiziert werden, damit unsere Unternehmen die Chancen auch tatsächlich nutzen können."
Von der Leyen hob nach der Unterzeichnung die Nähe beider Partner trotz geografischer Distanz hervor. "Die EU und Australien mögen geografisch weit voneinander entfernt sein, aber in unserer Sicht auf die Welt könnten wir einander nicht näher sein", erklärte sie. "Wir senden ein starkes Signal an den Rest der Welt, dass Freundschaft und Zusammenarbeit in Zeiten der Turbulenzen am wichtigsten sind." Vor dem australischen Parlament bezeichnete sie die Einigung zudem als "ein faires Abkommen, eines, das euren Unternehmen dient und eines, das unseren Unternehmen dient".
Auch Albanese unterstrich die Tragweite des Deals für sein Land. "Dies ist ein bedeutender Moment für unsere Nation, da wir ein Abkommen mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sichern", sagte er.
Ein zentraler Punkt ist der Zugang zu Rohstoffen. Von der Leyen machte deutlich, warum die EU hier auf neue Partnerschaften setzt: "Wir dürfen bei so wichtigen Rohstoffen nicht zu sehr von einem einzigen Lieferanten abhängig sein, und genau deshalb brauchen wir einander." Hintergrund ist die aktuelle Abhängigkeit Europas von China, das einen Großteil der Rohstoffimporte liefert und bei deren Verarbeitung führend ist. Ziel sei es, "sicherzustellen, dass kein Land den Zugang zu Energie, Halbleitern oder Seltenerdmineralen als Waffe nutzen kann, um unsere Wirtschaft als Geisel zu nehmen".
Auch im Sicherheitsbereich wollen Brüssel und Canberra enger zusammenarbeiten. Geplant ist eine Vertiefung der Kooperation bei maritimer Sicherheit, Cyber-Sicherheit und der Abwehr hybrider Bedrohungen sowie bei der Bekämpfung von Desinformation. Zudem soll gemeinsam an neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz gearbeitet werden. Von der Leyen brachte es im Parlament auf den Punkt: "Unsere Sicherheit ist eure Sicherheit, und mit unserer neuen Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft stehen wir füreinander ein".
Für Europa bringt das Abkommen auch Vorteile auf der Exportseite: Maschinen, Chemikalien und Komponenten für den Verkehrssektor gehören zu den wichtigsten Gütern, die in Richtung Australien geliefert werden – wovon insbesondere die deutsche Industrie profitieren dürfte.
Bevor der Vertrag allerdings in Kraft treten kann, steht noch ein formeller Prozess an. Zunächst folgt eine juristische Prüfung, anschließend die Übersetzung in alle 24 Amtssprachen der EU. Erst danach müssen sowohl das Europäische Parlament als auch das australische Parlament zustimmen.