Auslöser der Katastrophe

Nepal-Sturzflut: Forscher haben schrecklichen Verdacht

In Nepal steigt die Opferzahl weiter. Forscher suchen den Auslöser der Katastrophe und haben dabei einen verheerenden Mix an Ursachen ausgemacht.
Roman Palman
27.08.2026, 15:20
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Die Zahl der Todesopfer nach der verheerenden Sturzflut am Mittwoch steigt weiter. Eine Dutzende Meter hohe Wasserwand hatte ganze Ortschaften entlang des Flusses Bhotekoshi an der Grenze zwischen Nepal und Tibet (China) einfach weggefegt. Ganze Stadtteile in Syaprubesi, Betrawati, Trisuli und anderen Städten am Flussufer existieren nicht mehr.

Donnerstagabend Ortszeit wurden aus mehreren Bezirken Nepals mindestens 359 Getötete gemeldet, berichtet die Hauptstadtzeitung "Kathmandu Post". Polizei und andere Sicherheitsbehörden setzen ihre Such- und Rettungsmaßnahmen weiter fort, rund 1.500 Menschen wurden nach der Katastrophe vermisst. Zehntausende sind obdachlos geworden.

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Wissenschafter suchen immer noch nach dem genauen Auslöser der gigantischen Schlammlawine. Der Pegel des Bhotekoshi war innerhalb kürzester Zeit massiv angeschwollen, die Bevölkerung ohne Vorwarnung von der Flutwelle überrascht.

Bei der verheerenden Sturzflut am 26. August 2026 in Nepal sind hunderte Menschen ums Leben gekommen.
Polizei Nepal

Erdbeben, Mure, Flutwelle

Eine Auswertung von Satellitenbildern deutet nach Angaben mehrerer Experten darauf hin, dass eine massive Gletscherzunge von der Nordwand des 7.245 Meter hohen Bergs Langtang Lirung abgebrochen ist und Eis und Geröll dann auf nepalesischer Seite ins Tal gestürzt sind.

Eine Satellitenaufnahme zeigt einen eingestürzten Gletscher am Langtang Lirung (rechts unten) nach der verheerenden Schlammlawine. Die Eis- und Geröllmassen dürften laut Experten den darunterliegenden Fluss Lhende verlegt und aufgestaut haben. Als dieser Damm brach, dürfte die gigantische Sturzflut durch das Tal (oben) gerauscht sein..
USGS/Landsat 9/Handout via REUTERS

Dadurch dürfte der Bhotekoshi-Zubringer Lhende, der entlang der nepalesisch-chinesischen Grenze verläuft, kurzzeitig komplett verlegt gewesen sein. Der vom Monsun angeschwollene Fluss bildete daraufhin einen temporären See – bis die Blockade nachgab und Massen aus Wasser, Schlamm und Geröll das Tal hinunter rauschten.

Diese Theorie stützt auch Rijan Bhakta Kayastha, Klimaforscher und Professor an der Universität Kathmandu. "Wir vermuten, dass eine Lawine auf der nepalesischen Seite den Fluss Lhende gestaut hat", sagte Kayastha zur "Kathmandu Post".

Etwa zur gleichen Zeit – um 8.37 Uhr Ortszeit – ereignete sich laut Kayastha auch ein Erdbeben. Aber: "Wir wissen noch nicht, ob es zur Auslösung der Lawine beigetragen hat".

Im Raum steht auch ein anderes Szenario: "Weitere Analysen der langperiodischen seismischen Wellen deuten darauf hin, dass die seismische Energie vielmehr durch einen Gletschereinsturz und einen Murgang erzeugt wurde", schreiben die Geologen und Seismologen des amerikanischen USGS. Sie hatten die Erschütterung anfänglich noch als Erdbeben mit Magnitude 4,4 eingestuft.

Unter Wissenschaftlern herrscht also nach wie vor Uneinigkeit darüber, ob das Erdbeben den die Fels- und Eismassen aus der Nordwand gebrochen hat, oder die Lawine so gewaltig war, dass sie als seismisches Ereignis messbar wurde.

Auswirkungen des Klimawandels

Wenn das Beben der Auslöser war, dann hat es einen Berg erschüttert, der aufgrund der Erderwärmung immer instabiler wird.

Experten warnen aber davor, den Klimawandel als einzigen und unmittelbaren Auslöser dieser Katastrophe anzusehen. Gleichzeitig dürften steigende Temperaturen und schmelzende Gletscher aber sehr wohl auch dazu beigetragen haben.

"Der Klimawandel schafft Bedingungen, die Gestein und Eis im Hochgebirge destabilisieren können", bestätigt Simon Cox, leitender Wissenschaftler des Programms "Mountains to Sea" bei Earth Sciences New Zealand.

Wie auch in unseren Alpen (Stichwort Fluchthorn) beobachtbar ist, setzt die Erderwärmung dem alpinen Permafrost zu. Die Stützfunktion des Eises an steilen Hängen geht durch den Wechsel zwischen Tau- und Frostphasen verloren. Das führe dazu, dass große Geröllabgänge und ähnliche Kettenreaktionen wie jetzt in Nepal häufiger auftreten können, so Cox.

Zutaten einer tödlichen Katastrophe

Dazu kommt: Die sich auch im Himalaya zurückziehenden Gletscher haben in ihren Moränen lose Geröllmassen freigegeben. Ihre Randseen sind nach der Monsun-Saison randvoll, auf den Hängen darüber türmt sich frischer Schnee.

Benjamin Horton, Dekan der Fakultät für Energie und Umwelt an der City University of Hong Kong, spricht deshalb von einem "klassischen Beispiel" für ein sogenanntes "compound event". Auf Deutsch also ein "Kombinationsereignis" bzw. "Zusammengesetztes Extremereignis".

Diese entstünden, wenn etwa ein Erdbeben mit klimabedingten Veränderungen wie Gletscherschwund, auftauendem Permafrost und Instabilität im Gestein zusammenwirkt und so "eine komplexere und verheerendere Katastrophe auslöse, als sie durch einen einzelnen Faktor allein entstehen würde".

Es braucht nicht erst ein Erdbeben

Selbst ohne Erdbeben nehmen die Gefahren zu. In den letzten Jahren kam es während nahezu jeder Monsun-Saison zu zerstörerischen Sturzfluten in der Himalaja-Region, berichtet die "Nepali Times".

Wissenschaftler führen diese Zunahme der Extremereignisse auf immer größer werdende Schmelzwasser-Ansammlungen auf den Gletschern selbst, sogenannte supraglaziale Seen, zurück. Kommt es zu einem Bruch im Eis, ergießen sie sich als Flutwelle ins Tal, reißen lose Geröllmassen mit sich.

Das Verständnis solcher sich verstärkenden Risiken ist deshalb entscheidend für das Leben in Hochgebirgsregionen, betont Bejamin Horton.

{title && {title} } rcp, {title && {title} } Akt. 27.08.2026, 18:05, 27.08.2026, 17:20