Ein gutes Buch kann uns zum Lachen bringen, wütend machen oder noch Stunden später beschäftigen. Manchmal leiden wir sogar mit Menschen mit, die überhaupt nicht existieren. Und darin könnte eine besondere Stärke des Lesens liegen: Wer regelmäßig Romane liest, beschäftigt offenbar nicht nur Fantasie und Sprachgefühl.
Forschung deutet darauf hin, dass fiktionale Geschichten auch mit unserer Fähigkeit zusammenhängen können, Gedanken und Gefühle anderer Menschen besser nachzuvollziehen.
Beim Lesen passiert etwas Faszinierendes: Für ein paar Hundert Seiten verlassen wir unsere eigene Welt. Wir stecken plötzlich im Kopf eines Menschen, dessen Leben mit unserem womöglich überhaupt nichts gemeinsam hat.
Wir erfahren, was eine Figur fürchtet, wen sie liebt und warum sie Entscheidungen trifft, die uns zunächst völlig unverständlich erscheinen. Ein Roman liefert dabei häufig Informationen, die uns im echten Leben verborgen bleiben: die Gedanken hinter einem Lächeln, die Unsicherheit hinter einer schroffen Antwort oder die Angst hinter einer vermeintlich irrationalen Entscheidung. Dieses ständige Wechseln der Perspektive gilt als mögliche Erklärung dafür, warum fiktionales Lesen mit Empathie zusammenhängen kann.
Forschende interessieren sich dabei besonders für die sogenannte Mentalisierung. Gemeint ist nicht echtes Gedankenlesen, sondern unsere Fähigkeit, uns vorzustellen, was andere Menschen denken, fühlen oder beabsichtigen. Romane verlangen uns genau das laufend ab: Warum schweigt die Hauptfigur plötzlich? Meint sie wirklich, was sie sagt? Was weiß eine Figur, das eine andere noch nicht weiß?
Eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass das Lesen fiktionaler Geschichten mit Vorteilen bei Empathie und Mentalisierung verbunden sein kann. Die gemessenen Effekte fallen allerdings eher klein aus – aus jedem Bücherwurm wird also nicht automatisch ein Meister der Menschenkenntnis.
Literatur kann abstrakte Probleme außerdem plötzlich persönlich machen. Charles Dickens' "Oliver Twist" erzählt beispielsweise nicht bloß von Armut und Ungerechtigkeit. Leser erleben diese Welt aus der Perspektive eines hungernden Kindes.
Statt lediglich zu wissen, dass jemand leidet, begleitet man dessen Ängste, Hoffnungen und Erfahrungen. Gute Geschichten schaffen damit etwas Besonderes: Sie ermöglichen uns, eine Situation emotional nachzuvollziehen, ohne sie selbst erlebt haben zu müssen. Besonders Romane mit Figuren aus unterschiedlichen Lebenswelten könnten deshalb Gelegenheit bieten, immer wieder neue Blickwinkel einzunehmen.
Doch nicht nur das Einfühlungsvermögen könnte beim Schmökern gefordert werden. Wer regelmäßig liest, begegnet unzähligen Begriffen, Formulierungen und sprachlichen Feinheiten. Untersuchungen bringen insbesondere das Lesen von Fiktion mit besseren sprachlichen Fähigkeiten und einem größeren Wortschatz in Verbindung.
Das kann auch im zwischenmenschlichen Bereich nützlich sein. Wer Gefühle präziser benennen kann, unterscheidet beispielsweise leichter zwischen "enttäuscht", "gekränkt", "verunsichert" oder "frustriert". Emotionen bekommen dadurch mehr Nuancen, sowohl die eigenen als auch jene anderer Menschen.
Ganz so einfach wie "ein Roman pro Woche macht dich zum besseren Menschen" ist es allerdings nicht. Die Forschung zu den Auswirkungen fiktionaler Literatur ist komplex, die gefundenen Effekte sind teilweise gering und nicht jede Untersuchung kommt zum selben Ergebnis.
Romane sind daher kein wissenschaftlich bewiesenes Empathie-Wundermittel. Sie bieten aber etwas, das im Alltag gar nicht so häufig vorkommt: die Möglichkeit, für Stunden die Welt durch die Augen eines anderen zu betrachten.