Im tropischen Pazifik baut sich derzeit ein gewaltiger El Niño auf. Neue Modellrechnungen deuten darauf hin, dass das Klimaphänomen alle bisher zuverlässig gemessenen Ereignisse mit "wirklich atemberaubendem Abstand" übertreffen könnte, erklärt Klimaforscher Zeke Hausfather von Berkeley Earth.
El Niño entsteht, wenn sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen tropischen Pazifik ungewöhnlich stark erwärmt. Dabei gibt der Ozean zusätzliche Wärme an die Atmosphäre ab. Das treibt die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend nach oben und verändert Wetter- und Niederschlagsmuster in zahlreichen Regionen.
Die Entwicklung hat sich seit dem Frühjahr rasant beschleunigt. Im April wurde die El Niño-Schwelle überschritten, im Juni galt das Ereignis bereits als stark. In den ersten Juliwochen stiegen die Werte zeitweise sogar über die Schwelle für einen sogenannten Super El Niño. Auch von "Monster El Niño" und "Godzilla El Niño" - kurz "El Godziño" - ist dieser Tage zu lesen.
Die US-Wetterbehörde NOAA rechnet mit einer Wahrscheinlichkeit von 81 Prozent damit, dass sich zwischen Oktober und Dezember ein sehr starker El Niño entwickelt. Mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit soll das Phänomen bis ins Frühjahr 2027 bestehen bleiben.
Noch drastischer fallen andere Modellrechnungen aus. Eine Auswertung von 667 Berechnungen aus 14 verschiedenen Modellgruppen zeigt: 91 Prozent sagen einen Höhepunkt voraus, der über dem bisher stärksten Ereignis der modernen Messgeschichte liegt. Der bisherige Rekord stammt aus den Jahren 2015 und 2016.
Auch bei einer Berechnung, die die allgemeine Erwärmung der tropischen Meere herausrechnet (siehe Grafik oben), zeigen noch 77 Prozent der Modellläufe einen neuen Rekord. Ganz fix ist das jedoch nicht. Besonders Prognosen aus dem Frühjahr und Frühsommer können die spätere Stärke eines El Niño überschätzen.
Der US-Meteorologe Jeff Berardelli beschreibt die enorme Wärme unter der Meeresoberfläche als eine Art Verkehrsstau im zentralen Pazifik. Dort sammle sich immer mehr Energie. Es sei noch "viel Treibstoff im Tank", schrieb er über die jüngsten Messbilder.
Genau diese Wärme könnte in den kommenden Monaten an die Oberfläche gelangen und den El Niño weiter verstärken. Laut NOAA zeigen auch die Windverhältnisse und die Verbindung zwischen Ozean und Atmosphäre derzeit alle Merkmale eines kräftigen Ereignisses.
Die Folgen könnten bereits heuer spürbar werden. Zu Jahresbeginn lag die Wahrscheinlichkeit für einen neuen globalen Temperaturrekord noch deutlich niedriger. Mittlerweile wird die Chance, dass 2026 zum wärmsten Jahr seit Beginn der Messungen wird, mit 35 Prozent angegeben.
Als wahrscheinlichstes Ergebnis gilt derzeit der zweite Platz. Die globale Temperatur könnte im Jahresmittel rund 1,51 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. Die ersten sechs Monate des Jahres waren bereits der drittwärmste Jahresbeginn seit Beginn der Aufzeichnungen.
Die stärkste Wirkung dürfte El Niño aber erst 2027 entfalten. Die globale Temperatur reagiert üblicherweise mit einigen Monaten Verzögerung auf die Erwärmung im Pazifik.
Die aktuelle Berechnung ergibt für 2027 einen Mittelwert von rund 1,71 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Die Wahrscheinlichkeit für einen neuen globalen Temperaturrekord liegt demnach bei 92 Prozent. Mit 94-prozentiger Wahrscheinlichkeit könnte das Jahresmittel über 1,5 Grad liegen.
Das würde allerdings nicht automatisch bedeuten, dass das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens offiziell gerissen wurde. Dafür zählt nicht ein einzelnes besonders heißes Jahr, sondern die langfristige globale Durchschnittstemperatur über einen längeren Zeitraum. Es ist dennoch eine schlechte Nachricht.
Ein besonders starker El Niño kann in verschiedenen Teilen der Erde Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände wahrscheinlicher machen. Welche Regionen konkret getroffen werden, lässt sich jedoch nicht allein aus der Stärke des Ereignisses ableiten.
Auch die wirtschaftlichen Schäden könnten enorm sein. Forscher schätzen, dass ein El Niño dieser Größenordnung bis 2032 Verluste von umgerechnet mehreren Billionen Euro verursachen könnte. Betroffen wären unter anderem Landwirtschaft, Fischerei, Infrastruktur und Lieferketten.
Zusätzlich geraten die Meere unter Druck. Hohe Wassertemperaturen können Korallenbleichen verstärken und Ökosysteme schwächen. Wärmere Ozeane und geschädigte Wälder nehmen zudem weniger Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf.
Noch bleiben große Unsicherheiten. Ob der aktuell extrem starke El Niño tatsächlich auf einen langfristigen Wandel des wiederkehrenden Klimaphänomens hindeutet, ist laut Forschern noch offen. Klimamodelle erwarten zwar, dass El-Niño-Ereignisse durch die Erderwärmung künftig stärker oder häufiger werden könnten. Ob diese Entwicklung bereits begonnen hat, lässt sich bisher aber nicht eindeutig sagen.