Während viele Menschen derzeit vor allem auf Hitzewellen, Unwetter oder Trockenheit in Europa blicken, richtet sich der Blick von Klimaforschern auf einen ganz bestimmten Abschnitt des Pazifischen Ozeans. Es handelt sich um die sogenannte Niño-3.4-Region im tropischen Pazifik. Genau dort werden die Meerestemperaturen täglich gemessen und mit den Werten vergangener Jahrzehnte verglichen. Aktuelle Daten zeigen nun, dass sich das Wasser dort auf einem außergewöhnlich hohen Niveau befindet.
Die Entwicklung lässt sich im frei zugänglichen Climate Reanalyzer verfolgen. Der Datensatz basiert auf den täglichen Messungen der NOAA zur Meeresoberflächentemperatur. In der Grafik wird jedes Jahr als eigene Linie dargestellt. Die aktuelle Kurve verläuft derzeit deutlich über vielen Vergleichsjahren und gehört zu den höchsten Werten, die in dieser Region jemals zu dieser Jahreszeit registriert wurden.
Auf den ersten Blick wirkt das wie ein neuer Rekord. Doch Klimaforscher mahnen zur Vorsicht. Die Grafik zeigt die tatsächliche Temperatur des Meerwassers in Grad Celsius. Für die offizielle Einordnung eines El-Niño- oder La-Niña-Ereignisses reichen diese Werte allein nicht aus. Entscheidend sind vielmehr die Abweichungen gegenüber einem langjährigen Durchschnitt sowie Veränderungen in der Atmosphäre.
Dennoch ist die Entwicklung bemerkenswert. Die Niño-3.4-Region gilt seit Jahrzehnten als einer der wichtigsten Bereiche für die Beobachtung des weltweiten Klimas. Schon kleine Veränderungen der Wassertemperatur können weitreichende Auswirkungen haben. Wird das Wasser dort über längere Zeit ungewöhnlich warm, sprechen Wissenschaftler von El Niño. Kühlt es dagegen deutlich ab, handelt es sich um La Niña.
Beide Phänomene verändern die Luftströmungen über dem Pazifik und beeinflussen dadurch das Wetter in vielen Teilen der Erde. Die Folgen zeigen sich oft tausende Kilometer entfernt. In manchen Regionen steigt das Risiko für Dürren, anderswo nehmen heftige Regenfälle oder Überschwemmungen zu. Auch die weltweite Durchschnittstemperatur kann während eines starken El Niño zusätzlich ansteigen.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jedes warme Jahr sofort außergewöhnliche Wetterextreme nach sich zieht. Das Klimasystem ist komplex. Neben den Temperaturen im Pazifik spielen zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle. Deshalb lassen sich aus einer einzelnen Grafik keine sicheren Aussagen über das Wetter der kommenden Monate oder Jahre ableiten.
Internationale Klimazentren beobachten die Entwicklung dennoch genau. Das International Research Institute for Climate and Society sowie das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage sehen derzeit Anzeichen dafür, dass sich die ungewöhnlich warmen Bedingungen im tropischen Pazifik weiter entwickeln könnten. Ihre Einschätzungen beruhen jedoch nicht nur auf den gemessenen Meerestemperaturen. In die Analysen fließen unter anderem auch Windverhältnisse, Luftdruck und weitere Messdaten ein.
Gerade in sozialen Netzwerken sorgt die Grafik des Climate Reanalyzer immer wieder für Diskussionen. Dort wird sie häufig als Beweis für unmittelbar bevorstehende Katastrophen oder als Nachweis für einen unumkehrbaren Kipppunkt des Klimas verbreitet. Für solche Schlussfolgerungen liefert sie jedoch keine ausreichende Grundlage. Sie zeigt ausschließlich die tägliche Temperatur eines klar abgegrenzten Meeresgebiets und vergleicht diese mit früheren Jahren.
Auch die offiziellen Klimadienste weisen darauf hin, dass für die Bewertung eines El Niño mehrere Messgrößen gemeinsam betrachtet werden müssen. Erst wenn sowohl die Meeresoberflächentemperaturen als auch die Atmosphäre über einen längeren Zeitraum die typischen Merkmale zeigen, wird ein entsprechendes Ereignis offiziell bestätigt.
Dass die aktuellen Temperaturen dennoch Aufmerksamkeit erregen, hat einen einfachen Grund. Die Ozeane speichern mehr als 90 Prozent der zusätzlichen Wärme, die durch den menschengemachten Klimawandel im Erdsystem verbleibt. Besonders warme Meeresoberflächen können deshalb ein Hinweis darauf sein, dass sich das Klimasystem insgesamt verändert. Gleichzeitig werden natürliche Klimaschwankungen wie El Niño durch die langfristige Erwärmung der Erde überlagert. Das macht ihre Auswirkungen oft noch schwieriger vorherzusagen.
Für Europa bedeutet ein möglicher El Niño übrigens nicht automatisch einen besonders heißen oder besonders nassen Sommer. Die direkten Auswirkungen sind hier deutlich schwächer als in den Tropen oder an den Küsten des Pazifiks. Trotzdem kann das Phänomen über Veränderungen der großräumigen Luftströmungen auch das Wetter in Europa beeinflussen. Wie stark dieser Effekt ausfällt, lässt sich jedoch erst im Zusammenspiel mit anderen Klimafaktoren beurteilen.
Die ungewöhnlich hohen Temperaturen in der Niño-3.4-Region sind daher kein Grund für Panik, wohl aber ein Anlass für erhöhte Aufmerksamkeit. Klimaforscher werden die Entwicklung in den kommenden Wochen und Monaten genau verfolgen. Erst dann wird sich zeigen, ob aus den derzeit außergewöhnlich warmen Messwerten tatsächlich ein starkes El-Niño-Ereignis entsteht oder ob sich die Lage wieder abschwächt.
Fest steht schon jetzt: Die Kurve im tropischen Pazifik ist weit mehr als eine auffällige Grafik. Sie gehört zu den wichtigsten Frühindikatoren für Veränderungen im globalen Klimasystem und liefert Wissenschaftlern wertvolle Hinweise darauf, wie sich Wetter und Klima in den kommenden Monaten entwickeln könnten.