"Wohlstandsverwahrlost"

Nutzer kann "Rumgeheule" über Vermögen nicht mehr hören

"Kein Haus, kein Geld" trotz gutem Einkommen? Ein Reddit-Nutzer hält dagegen und wirft der Mittelschicht maßlosen Konsum vor.
Rene Findenig
07.10.2026, 17:16
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Die Mittelschicht kann sich angeblich kaum noch etwas leisten. Ein Haus sei unbezahlbar, Urlaube würden immer teurer und am Monatsende bleibe zu wenig übrig. Doch ein Nutzer im deutschen Reddit-Forum r/Normalverdiener hat für diese Klagen wenig Verständnis. Sein Vorwurf: Ein Teil der Mittelschicht habe schlicht vergessen, was Verzicht bedeutet.

Der Beitrag trägt den provokanten Titel "Der diffusen Mittelschicht geht es nicht schlecht, die ist wohlstandsverwahrlost". Der Verfasser stellt dabei ausdrücklich klar, dass er nicht über Alleinstehende mit rund 2.500 Euro netto sprechen will. Seine Kritik richtet sich an Haushalte darüber, die seiner Ansicht nach eindeutig zur mittleren oder oberen Mittelschicht gehören.

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

"Ich kann das Rumgeheule nicht mehr hören"

Besonders stört den Nutzer die Kombination aus hohem Lebensstandard und gleichzeitigem Wunsch nach Wohneigentum. Er beschreibt Paare, die sich ein neues Haus in guter Lage wünschen, aber gleichzeitig kaum bereit seien, ihren Lebensstil einzuschränken.

Als Beispiele nennt er mehrere Restaurantbesuche im Monat, Fernreisen mit Kindern und regelmäßig neue Autos. Seine These: Wer all das weiterhin finanzieren wolle, könne sich nicht gleichzeitig darüber beschweren, dass ein Eigenheim nicht leistbar sei. Für ihn gehört Konsumverzicht zum Weg ins eigene Haus.

Als Vergleich zieht der Nutzer seine Großeltern heran. Diese seien in den späten 1970er-Jahren ein Doppel-Beamtenhaushalt gewesen und hätten sich ihr Haus nach seiner Darstellung "vom Mund abgespart". Urlaube seien erst später ein Thema gewesen und auch dann günstig. Eine Großtante habe ihr Haus sogar über ein Jahrzehnt hinweg saniert.

Sein Fazit lautet deshalb: Wohneigentum sei noch nie einfach gewesen. Man habe immer zwischen Eigenleistung, schlechterer Lage und jahrelangem Verzicht abwägen müssen.

Reddit widerspricht teilweise

Der Beitrag bekommt zwar viel Zustimmung, die Diskussion fällt aber deutlich differenzierter aus. Ein Kommentator stimmt dem Grundgedanken zu, dass sich der Lebensstil vieler Menschen verändert habe. Gleichzeitig hält er es für falsch, daraus abzuleiten, dass Wohneigentum heute genauso erschwinglich sei wie früher.

Entscheidend sei nicht nur, ob die Großeltern für ihr Haus auf Urlaub verzichtet hätten. Man müsse vergleichen, wie viele Jahre Einkommen damals für Grundstück, Haus und Finanzierung notwendig waren – und wie lange ein vergleichbarer Haushalt heute dafür arbeiten müsste.

Ein anderer Nutzer verweist darauf, dass Erschwinglichkeitsanalysen seit Jahrzehnten durchgeführt würden. Die Situation habe sich demnach vor allem dann verschlechtert, wenn man die außergewöhnlich günstigen Jahre rund um 2010 als Vergleich heranziehe.

Auch die Finanzierung selbst wird diskutiert. Ein Nutzer argumentiert, dass frühere Vergleiche häufig Bruttogehälter und Kaufpreise gegenüberstellen würden, obwohl sich die Abgabenbelastung verändert habe. Zudem müsse man bei alten Immobilienkrediten nicht nur auf die hohen Nominalzinsen schauen. Bei gleichzeitig steigenden Einkommen habe die reale Belastung über die Jahre sinken können.

Ein anderer Kommentator fordert dafür allerdings konkrete Belege und verweist darauf, dass auch frühere Immobilienkäufe teilweise durch Förderungen und andere Vergünstigungen unterstützt worden seien.

300.000-Euro-Wohnmobil statt Billigurlaub

Für Spott sorgt in der Diskussion vor allem das Thema Urlaub. Ein Nutzer schreibt, Campingurlaub werde heute teilweise mit einem 300.000 Euro teuren Wohnmobil gemacht. Ein anderer hält dagegen, dass Menschen unterschiedliche Vorstellungen vom Urlaub hätten und selbst Camping nicht automatisch günstig sein müsse.

Genau darin zeigt sich der Kern des Streits: Für die einen ist der heutige Lebensstandard deutlich höher als früher. Für die anderen wird damit vom eigentlichen Problem abgelenkt. Denn selbst wenn eine Familie ihren Konsum reduziert, bedeutet das nicht automatisch, dass ein Haus in der gewünschten Lage plötzlich leistbar wird.

Ein Kommentator bringt diese Position besonders deutlich auf den Punkt: Lifestyle-Inflation könne durchaus existieren. Sie sei aber kein Beweis dafür, dass die Klagen über hohe Immobilienpreise generell unbegründet seien.

Österreich liegt beim Einkommen anders

Der Reddit-Thread stammt aus Deutschland und lässt sich deshalb nicht direkt auf Österreich übertragen. Ein Blick auf die aktuellen Zahlen von Statistik Austria zeigt aber, warum die Diskussion auch hier interessant ist.

Das verfügbare Nettohaushaltseinkommen österreichischer Privathaushalte lag 2025 bei einem Median von 51.152 Euro pro Jahr. Das entspricht rund 4.263 Euro pro Monat. Bei Haushalten mit Kindern lag der Median mit 75.393 Euro jährlich deutlich höher, also bei rund 6.283 Euro monatlich.

Auch hier sagt das Einkommen allein allerdings wenig darüber aus, wie viel finanzieller Spielraum tatsächlich vorhanden ist. Wohnkosten, Kinder, Kredite, regionale Immobilienpreise und bereits vorhandenes Vermögen können die Situation massiv verändern.

Der Reddit-Streit bleibt deshalb letztlich eine Auseinandersetzung über zwei verschiedene Fragen: Hat sich der Lebensstandard vieler Haushalte erhöht? Und ist Wohneigentum gleichzeitig schwerer leistbar geworden? Die Kommentare zeigen, dass beides für viele Nutzer gleichzeitig zutreffen kann.

rfi,07.10.2026, 17:16
Weitere Storys