Die Situation im Wiener Gesundheits- und Pflegesystem bleibt weiter angespannt: Im Rahmen einer Pressekonferenz zum Tätigkeitsbericht 2025 der Wiener Pflege- und Patient:innenanwaltschaft (WPPA) kritisierte Patientenanwalt Gerhard Jelinek zahlreiche Punkte.
Laut Jelinek gab es im Jahr 2025 insgesamt rund 8.700 Kontakte, im Vergleich zu 2024 ein leichtes Minus (rund 9.000 Kontakte). Dennoch habe sich die Zahl der angelegten Akte erhöht: "Die Zahl der telefonischen Anfragen sinkt zwar, aber dort, wo ernste Probleme auftauchen, steigt die Arbeitsbelastung. Dieser Trend setzt sich auch 2026 fort", so Jelinek.
Demnach handele es sich in rund zehn Prozent der Fälle um Behandlungsfehler: "Allerdings konnten wir nur bei einem Bruchteil der Fälle einen Kunstfehler feststellen." Jelinek findet es zudem besorgniserregend, "dass manchen Patienten nach Beschwerden bei der Patientenanwaltschaft einfach die Behandlung verweigert wird".
Insgesamt konnte die WPPA rund drei Millionen Euro an Schadenersatz-Zahlungen für etwa 100 bis 120 Geschädigte erreichen. Die höchsten Einzelbeträge lagen bei rund 50.000 Euro. Die Zahlungen erfolgten entweder über Haftpflichtversicherungen oder den Patientenentschädigungsfonds. Jelinek merkte an, dass die Durchsetzung der Forderungen bei Haftpflichtversicherungen immer schwieriger werde.
Ein zentrales Problem sieht Jelinek weiterhin im niedergelassenen Bereich. Es gebe nach wie vor zu wenige Kassenärzte – sowohl in der Allgemeinmedizin als auch bei Fachärzten. "Die Wartezeiten sind zu lang und Patienten gezwungen, auf teure Wahlärzte auszuweichen. Es herrscht hier ein schweres Ungleichgewicht. Patienten zahlen sich immer mehr selbst, mit einem solidarischen Gesundheitssystem hat das nichts mehr zu tun."
Die Folgen seien gravierend: "Von der Sozialversicherung bekommen die Patienten nur einen Bruchteil des Honorars rückvergütet. Die ÖGK zahlt zum Beispiel nur 80 Prozent der Kassenleistung. Für die Sozialversicherung selbst fallen daher weniger Kosten an als für eine kassenärztliche Behandlung."
Ein weiterer Kritikpunkt von Jelinek sind die langen OP-Wartezeiten: "Bei OP-Terminen kommt es für Wiener zu teils exorbitanten Wartezeiten. Hier hat sich in der jüngeren Vergangenheit vor allem der HNO-Bereich mit Wartezeiten von gut einem Jahr, zum Teil sogar zwei Jahren, negativ entwickelt. Selbst bei Kindern!" Weitere betroffene Fachbereiche seien die Urologie, die Augenheilkunde und auch die Orthopädie.
Vereinzelt gebe es selbst bei Krebs-Behandlungen Beschwerden: "Uns wurden etwa oberflächliche Untersuchungen gemeldet, die dazu führten, dass Tumore nicht rechtzeitig erkannt wurden. Zudem wurden onkologische Eingriffe verschoben oder es gab eine längere Wartezeit", so Jelinek.
Große Probleme ortet der Patientenanwalt auch bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen: "Das Angebot an Diagnostik und Therapien auf Kasse für Kinder mit Entwicklungsstörungen ist katastrophal. Was die Diagnose Autismus betrifft, haben wir alarmierende Berichte erhalten. Nur ein geringer Teil kann mit einer Kassen-Behandlung rechnen."
Als unverändert kritisch bezeichnet der Patientenanwalt auch die psychiatrische Versorgung – sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich: "Patienten, die einen stationären Aufenthalt benötigen, werden abgewiesen oder stationäre Patienten zu früh entlassen. Dazu kommt, dass es im niedergelassenen Bereich viel zu wenig Angebot gibt."
Scharfe Kritik übt Jelinek auch an der Versorgung von Menschen mit postviralen Erkrankungen wie Long Covid oder ME/CFS. Die stationäre Behandlung sei stark zurückgefahren worden, im niedergelassenen Bereich gebe es nur wenige Spezialisten, die überwiegend auf Wahlarztbasis arbeiten. "Immer öfter kommt es vor, dass betroffene Patienten in dieser Situation nur mehr den Ausweg des Suizids sehen."
Auch in der Pflege gibt es erhebliche Herausforderungen. Sorgen bereiten eine lückenhafte Datenlage zu Demenz sowie der Mangel an ärztlicher Betreuung in Wohn- und Pflegeheimen. "Immer weniger Häuser verfügen über eine ständige, ärztliche Betreuung vor Ort." Zudem verschärfe sich der Personalmangel.
Der Patientenanwalt bemängelt zudem die Auswirkungen des Konflikts zwischen Wien und Niederösterreich auf sogenannte Gastpatienten. "Diese sind besonders von unzumutbar langen und intransparent gehandhabten Wartezeiten betroffen. Sie haben keinerlei Verständnis für die politischen Konflikte zwischen Wien und NÖ und überschwemmen daher die Patientenanwaltschaften beider Länder seit rund eineinhalb Jahren mit Beschwerden."