Die geplante Sperre der S-Bahn-Stammstrecke in Wien sorgt schon jetzt für Schockwellen bei den Öffi-Fahrgästen. Nach den Sommerferien ist der Abschnitt zwischen Praterstern und Wien-Hauptbahnhof von 7. September 2026 bis Ende Oktober 2027 wegen Modernisierungsarbeiten komplett gesperrt. Ein gewaltiger Stresstest für die Öffis in Wien, schlagen nun die Wiener Grünen Alarm.
Denn die über ein Jahr dauernden Bauarbeiten werden laut einer von den Grünen präsentierten TU-Studie massive Auswirkungen auf das Wiener Verkehrsnetz haben. In Spitzenzeiten werden rund 11.300 Fahrgäste pro Stunde auf andere Verbindungen ausweichen müssen. Besonders betroffen wären laut der Studie Knotenpunkte wie der Hauptbahnhof, St. Marx oder der Praterstern. Dort drohen volle Bahnsteige, überlastete U-Bahnen und Straßenbahnen.
Zusätzlich erschweren weitere Baustellen die Lage. Die Wiener Linien wollen 2026 insgesamt 12,5 Kilometer Straßenbahngleise erneuern und 33 Weichen austauschen. Auch Autofahrer und Radfahrer werden die Auswirkungen spüren, weil viele Menschen auf das eigene Auto oder Fahrrad umsteigen könnten – es drohen Staus.
Die Grünen werfen der Stadtregierung vor, zu spät reagiert zu haben. Ersatzangebote seien nicht ausreichend vorbereitet worden, obwohl die Sperre seit Jahren bekannt gewesen sei. Besonders kritisch sei die Situation auch deshalb, weil Öffi-Fahrten zuletzt teurer geworden seien.
"Die Stadt denkt zu sehr in Ersatzrouten – entscheidend ist aber nicht, ob es am Papier Alter-nativen gibt, sondern ob sie in der Frühspitze wirklich funktionieren", so die Grünen. Sie fordern: Vorrang für Bim und Bus, funktionierende Umsteigeknoten, Personalreserven, sichere Rad-Alternativen und faire Preise. "Wenn die Leistung schlechter wird, darf sie nicht gleichzeitig teurer werden." Deshalb fordern die Grünen eine Rückkehr zum 365-Euro-Ticket und Rabatte für betroffene Klimaticket-Kunden. U-Bahnen und Straßenbahnen sollen in dichteren Intervallen fahren.
"Die notwendige Sanierung der Schnellbahn-Stammstrecke ist seit vielen Jahren bekannt, trotzdem behandelt die Stadtregierung das Riesen-Projekt wie eine normale Baustelle. Die zuständige Stadträtin Ulli Sima hat erst letztens in einem Interview zugegeben, dass es 'nicht lustig' werde. Das ist zynisch – denn man hätte tatsächlich besser planen können", so Peter Kraus, Parteivorsitzender der Wiener Grünen.
Die Grünen fordern dichtere Intervalle bei U-Bahnen und Straßenbahnen, mehr Reservezüge und zusätzliches Personal. Besonders die Linien O, 18, D und 71 müssten verstärkt werden. Außerdem brauche es Vorrangschaltungen bei Ampeln, eigene Spuren für Bim und Bus sowie strengere Maßnahmen gegen Falschparker auf Gleisen.
ÖBB und Wiener Linien haben bereits Maßnahmen angekündigt. Geplant sind unter anderem ein Shuttlebus zwischen Meidling und Längenfeldgasse, längere Fahrzeuge auf der Linie O sowie die Verlängerung der Linie 18 bis zur U2-Station Stadion. Laut der TU-Studie reiche das aber nicht aus.
Auch die grüne Stadtplanungssprecherin Heidi Sequenz fordert rasche Maßnahmen: "Die Stadt Wien muss im Vorfeld der Sperre Vorbereitungen treffen, die den Straßenbahnen, die besonders stark als Ersatz genutzt werden, freie Fahrt garantieren."
Auch am Hauptbahnhof sehen die Experten Probleme. Schon jetzt seien die Bahnsteige der U1 zu Stoßzeiten sehr stark ausgelastet. Zusätzliche Fahrgastströme könnten dort zu Sicherheitsproblemen führen. Vorgeschlagen werden deshalb neue Leitsysteme, Bodenmarkierungen, Durchsagen und zusätzliches Ordnungspersonal. "Eine Viertelmillion Fahrgäste pro Werktag kann man nicht einfach bitten, sich irgendwie im Netz zu verteilen", so Grünen-Mobilitätssprecher Kilian Stark.
Die Stammstrecke zählt zu den wichtigsten Öffi-Verbindungen des Landes. Rund 700 Züge und etwa 250.000 Reisende pro Werktag sind dort unterwegs. Während der Bauarbeiten werden Viadukte, Brücken, Stützmauern, Bahnsteige und Schienen erneuert. Außerdem soll das Zugsicherungssystem modernisiert werden. Nach Abschluss der Arbeiten sollen längere Züge fahren können, das Sitzplatzangebot bis 2028 um 40 Prozent steigen und in der Hauptverkehrszeit ein 2,5-Minuten-Takt möglich sein. Für das Öffi-Netz in Wien wird die Stammstreckensperre zur größten Belastungsprobe seit Jahrzehnten.