Vorstand muss Krise erklären

Showdown-Woche bei VW: "Lage mehr als kritisch"

Bei Volkswagen beginnt eine Woche mit neun Betriebsversammlungen. Es geht um Zehntausende Jobs, Werke, Modelle und einen harten Sparkurs.
Team Wirtschaft
23.08.2026, 13:37
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Bei Volkswagen stehen die Zeichen auf Konfrontation. Nach den Werksferien muss sich der Vorstand jetzt innerhalb von nur sieben Tagen bei neun Betriebsversammlungen den Mitarbeitern stellen. Los geht es am Dienstag, dem 25. August, in Wolfsburg. Tags darauf folgen Emden und Zwickau. Zumindest in diesen drei Werken will Blume laut "Bild" persönlich vor die Belegschaft treten. Weitere Versammlungen sind in Braunschweig, Salzgitter, Dresden, Chemnitz und Kassel-Baunatal geplant, den Abschluss macht Hannover am 31. August.

Konzernchef Oliver Blume stimmt die Belegschaft bereits auf schwierige Zeiten ein. "Auf die nächsten Wochen kommt es an: Alle müssen mitziehen", sagte er der "Bild am Sonntag". Der Autobauer stehe vor einem historischen Umbau: "Wir haben den größten Transformationsplan in der Geschichte des Volkswagen-Konzerns aufgesetzt."

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"Autoindustrie ist in einer Mega-Krise"

Blume zeichnet ein drastisches Bild der Branche. "Die weltweite Autoindustrie ist in einer Mega-Krise. Und der Volkswagen-Konzern ist mittendrin." Geopolitik, Handelsbarrieren, Regulierungen, schwache Märkte und der massive Wettbewerb würden die Hersteller gleichzeitig treffen.

Die kommenden Jahre würden darüber entscheiden, "wer im Rennen bleibt und wer an die Spitze fährt". An anderer Stelle formuliert der VW-Chef die Situation noch deutlicher: "Die Lage ist mehr als kritisch."

Der wirtschaftliche Druck ist erheblich. Im ersten Halbjahr kam Volkswagen auf eine operative Rendite von 3,8 Prozent. Das sei "bei weitem nicht ausreichend", um auf Dauer genügend Geld für neue Technologien, Produkte und Standorte zu erwirtschaften.

Rund 100.000 Jobs könnten betroffen sein

Seit Ende 2024 ist bei Volkswagen, Audi, Porsche und der Softwaretochter Cariad der Abbau von rund 50.000 Stellen in Deutschland bis 2030 vereinbart. Er soll freiwillig und sozialverträglich erfolgen, vor allem über Altersteilzeit. Nach aktuellen Angaben Blumes sind bereits rund 37.000 entsprechende Verträge unterschrieben.

Nun könnte ein ähnlich großer Abbau dazukommen. Die Kosten in Verwaltung, Infrastruktur und anderen unterstützenden Bereichen liegen Volkswagen zufolge noch gut 30 Prozent über dem Niveau vergleichbarer Unternehmen. Die häufig genannte Größenordnung von weiteren rund 50.000 Stellen weltweit errechne sich aus dem Kostenziel im Vergleich zur Konkurrenz.

"Die häufig genannte Zahl von rund 50.000 Stellen weltweit ist dabei keine fixe Zielgröße", stellt Blume klar. Wie groß der zusätzliche Stellenabbau tatsächlich wird, hängt demnach davon ab, wie viel VW durch einfachere Strukturen, effizientere Abläufe und niedrigere Arbeitskosten einsparen kann.

Jedes zweite Modell soll verschwinden

Der Umbau geht allerdings weit über das Personal hinaus. Volkswagen will die Modellpalette des Konzerns drastisch verkleinern. Von derzeit rund 150 Modellen sollen langfristig nur noch etwa 75 übrig bleiben. Weniger Überschneidungen und größere Stückzahlen pro Modell sollen Entwicklung und Produktion günstiger machen.

Gleichzeitig wird bei der Variantenvielfalt gekürzt. Blume führt dafür ein besonders drastisches Beispiel an: In einer Markengruppe gibt es derzeit mehr als 2.600 unterschiedliche Sitzvarianten, künftig sollen es nur noch rund 100 sein.

VW will auch bei Investitionen bremsen

Gespart wird zudem bei den Investitionen. Finanzchef Arno Antlitz hatte zuletzt angekündigt, Investitionen und Gemeinkosten zu reduzieren. Im Autobereich liegt die Investitionsquote 2026 voraussichtlich noch bei 11 bis 12 Prozent des Umsatzes. Bis 2030 will Volkswagen sie auf rund 9 Prozent drücken.

Das bedeutet allerdings keinen Investitionsstopp. Milliarden fließen weiterhin in neue Fahrzeuge, Werke, elektrische Antriebe, Plattformen, Software und Digitalisierung. Der Konzern will das Geld künftig aber stärker bündeln und Projekte strenger danach auswählen, welchen Beitrag sie zum Geschäft leisten.

Mehr als 2.000 Beteiligungen werden geprüft

Dasselbe gilt für das weitverzweigte Firmengeflecht. Mehr als 2.000 Beteiligungen gehören zur Volkswagen Group. Der Konzern prüft, welche davon strategisch notwendig sind, Geld verdienen und zum Kerngeschäft beitragen.

Parallel sollen Plattformen, Elektronik und Software stärker über mehrere Marken hinweg gemeinsam genutzt werden. Doppelstrukturen sollen verschwinden, Entscheidungen schneller fallen und Führungsstrukturen schlanker werden.

Vier Werke ohne sichere Perspektive

Besonders heikel ist die Zukunft von Emden, Hannover, Zwickau und dem Audi-Standort Neckarsulm. Für diese vier Werke könne Volkswagen derzeit keine wettbewerbsfähige Fahrzeugproduktion für die 2030er-Jahre darstellen.

Das bedeute allerdings noch keine beschlossene Schließung. "Eine Entscheidung über konkrete Werksschließungen ist nicht getroffen", sagt Blume. Sollte für einen Standort keine konkurrenzfähige Autoproduktion gefunden werden, will VW nach Partnern, Investoren oder einer anderen industriellen Nutzung suchen.

Auch die Produktionskapazitäten werden reduziert. Allein in Europa sieht Volkswagen Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen pro Jahr. Weltweit soll das Produktionsnetz künftig auf rund neun Millionen Fahrzeuge jährlich ausgerichtet werden.

Fabrikkosten bereits deutlich gesenkt

Dabei hat VW bereits gespart. Die Fabrikkosten an den deutschen Volkswagen-Standorten wurden 2025 im Schnitt um mehr als 20 Prozent gesenkt. Durch bereits beschlossene Maßnahmen einschließlich geringerer Produktionskapazitäten sollen bis 2030 jährlich mehr als sechs Milliarden Euro netto eingespart werden.

Trotzdem reicht das dem Vorstand nicht. Vor allem China und die USA machen Volkswagen zu schaffen. Laut Blume sei der Markt dort seit Jahresbeginn um rund 20 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig hätten chinesische Hersteller heuer bereits mehr als 500 neue Modelle auf den Markt gebracht, während die Preise binnen zwei Jahren um mehr als 15 Prozent gefallen seien.

In den USA belasten zudem höhere Zölle das Geschäft. Nach Angaben von Volkswagen seien für aus Europa importierte Fahrzeuge inzwischen 15 Prozent fällig, vor zwei Jahren seien es noch 2,5 Prozent gewesen. Für Autos aus Mexiko liege der Satz bei bis zu 27,5 Prozent.

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