Es geht um Milliarden Euro und die größte Firmenpleite der europäischen Nachkriegsgeschichte. Im Zentrum steht ein Mann: René Benko. Oder doch nicht? Das ist jetzt die Streitfrage in zahlreichen Verfahren und Gegenstand laufender Ermittlungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft.
Denn zumindest offiziell hatte der Tiroler in der Signa-Gruppe schon seit 2013 bei operative Entscheidungen nichts mehr zu sagen und lediglich Beraterfunktion. Der damalige Rückzug – zumindest auf dem Papier – erfolgte infolge einer strafrechtlichen Verurteilung wegen versuchter verbotener Intervention.
Neue Ermittlungsunterlagen der Soko Signa zeichnen laut "Kronen Zeitung" jetzt aber ein völlig anderes Bild. Demnach war der 49-Jährige bis kurz vor dem Zusammenbruch seines Milliardenreichs Ende 2023 in operative Entscheidungen mutmaßlich tief eingebunden. Die E-Mails sprechen für sich: In internen Nachrichten soll Benko Verträge kontrolliert, Präsentationen freigegeben und Geschäftsführer zurechtgewiesen haben – teils in äußerst scharfem Ton. Ausgerechnet ein Einzeiler über "Mama" könnte aber zum teuersten Satz in Benkos Karriere werden. Es gilt die Unschuldsvermutung.
„Den Text alleine so zu schreiben ist geisteskrank und zeigt von Deiner Unfähigkeit“René Benkozitiert aus Ermittlungsakten durch die "Kronen Zeitung"
Die Auszüge zeigen, wie ruppig Benko selbst mit höchsten Signa-Managern umgesprungen sein soll. In einem Mailwechsel mit Signa-Holding-CEO Marcus Mühlberger soll Benko regelrecht explodiert sein. Anlass war eine Präsentation für Versicherungen, für die Mühlberger um Feedback gebeten hatte.
Benko machte den Geschäftsführer laut Ermittlungsunterlagen mit Fäkal-Ausdrücken nieder: "So eine Scheise (sic!) habe ich schon lange nicht mehr gehört." Die geplanten Aussagen in der Präsentation seien ein "Schuss ins Knie". Man müsse sich mit "allen einzeln" zusammensetzen. Besonders heftig fiel dabei eine weitere Passage aus: "Ich krieg einen Herpesausschlag, wenn ich das lese. Warum werden solche Statements nicht mit mir vorher abgestimmt …"
Für die Ermittler besonders heikel: Benko soll in den Nachrichten klare Anweisungen gegeben haben. Unterlagen dürften keinesfalls verschickt werden, ohne dass er sie vorher gesehen habe. "Ja keine Unterlagen und Präsentationen jetzt im Nachgang verschicken – die ich nicht vorher gesehen habe !!!!" Und als Mühlberger darauf hinwies, dass es sich lediglich um einen Entwurf handle, soll Benko endgültig die Beherrschung verloren haben. "Den Text alleine so zu schreiben ist geisteskrank und zeigt von Deiner Unfähigkeit (…) Ich will die Präsentationen, die die Herren gehalten haben, sowie die Teilnehmerliste. Ich krieg Brechreiz", zitiert die "Krone" aus den Akten.
„Ich setze mich nicht als Mehrheitsgesellschafter auf die Rücksitzbank“René Benkozitiert aus Ermittlungsakten durch die "Kronen Zeitung"
Die Soko Signa sieht darin mögliche Hinweise auf eine faktische Geschäftsführung. Genau darauf zielt die mittlerweile 20 Seiten starke Auswertung ab, die vergangene Woche an die WKStA übermittelt wurde. Doch damit nicht genug. Auch in anderen Fällen soll Benko massiv eingegriffen haben. Einem Geschäftsführer einer Signa-Tochterfirma schrieb er laut Ermittlungsakten nach einer eigenmächtigen Änderung eines Mietangebots: "Wenn so was noch einmal passiert, bist du fristlos entlassen."
In einem weiteren Mail an einen deutschen Geschäftspartner machte Benko ebenfalls klar, wer aus seiner Sicht das Sagen hatte: "Ich beteilige mich nicht an einer Firma als Mehrheitsgesellschafter und stelle das gesamte Geld zur Verfügung" – bei Investments über einer Million Euro wolle er "mitreden – egal, woher die Kohle kommt".
Und weiter: "Ich setze mich nicht als Mehrheitsgesellschafter auf die Rücksitzbank und muss zuschauen, wie Du 'theoretisch' einfach […] Deals machst – die ich nicht für richtig erachte."
Brisant ist all das deshalb, weil Benko offiziell gar keine Funktion innerhalb der Signa-Gruppe mehr innehatte. Seine Verteidigung argumentiert seit Monaten, der Tiroler habe lediglich beratend agiert.
„Bevor Mama unterschreibt, schau ich das noch an.“René Benkozitiert aus Ermittlungsakten durch die "Kronen Zeitung"
Besonders spannend dürfte nun auch die Rolle der Benko-Stiftungen werden. Zwei österreichische Familienstiftungen sind bereits insolvent. Im Fokus steht nun vor allem die Ingbe-Stiftung in Liechtenstein – sie gilt als letzter großer Vermögensbunker der Familie Benko. Dort sollen derzeit rund 50 Millionen Euro eingefroren sein. Der Innsbrucker Masseverwalter versucht weiter, Zugriff auf dieses Geld zu bekommen.
Ein Mail aus Oktober 2023 könnte für Benko nun besonders unangenehm werden. Damals schickte eine Steuerberaterin einen Stiftungsvorstandsbeschluss zur Gegenzeichnung an den Beirat – also an Benkos Mutter. Die Antwort des Signa-Gründers fiel kurz, aber eindeutig aus: "Bevor Mama unterschreibt, schau ich das noch an."
Für die Ermittler könnte genau dieser Satz zum Symbol dafür werden, wie stark René Benko trotz offizieller Abstinenz weiterhin die Kontrolle über das Signa-Imperium ausgeübt haben soll.