Bei Raubtieren denkt man oft, dass auffällige Farben ein Nachteil sind. Eigentlich sollte eine hohe Sichtbarkeit den Jagderfolg schmälern. Trotzdem gibt es viele Arten, die zwar auf Tarnung angewiesen sind und trotzdem leuchtende Farben zeigen. Das schreiben Forscher der Universität Lausanne und der Schweizer Vogelwarte Sempach in einer Studie, die im Fachblatt "Current Biology" erschienen ist.
Um dem Rätsel auf den Grund zu gehen, haben die Wissenschafter die Schleiereule erforscht. Diese nachtaktiven Vögel, die auf lautlose Jagd spezialisiert sind, gibt es in verschiedenen Farbvarianten – vom dunklen Rotbraun bis zum strahlenden Weiß. Die Forscher nutzen die unterschiedlichen Farbschläge als natürliches Experiment: So können sie vergleichen, wie auffällige und unauffällige Jäger unter denselben Lichtverhältnissen abschneiden.
Für die Untersuchung wurden 69 männliche Schleiereulen mit hochauflösenden Sensoren ausgestattet. Über 354 Nächte hinweg zeichneten die Geräte jede Flugbewegung, Jagdversuch und Beutefang auf. Insgesamt konnten die Forscher mehr als 17.600 Jagdangriffe analysieren und so erstmals genau beobachten, wie unterschiedlich gefärbte Eulen bei verschiedenen Mondphasen jagen.
Das Ergebnis war überraschend: Je heller die Nacht, desto mehr passten die weißen Eulen ihr Verhalten an. Sie jagten öfter in Richtung Mond, suchten gezielt offene und beleuchtete Flächen auf und konzentrierten sich auf die hellsten Stunden der Nacht. Die rötlich gefärbten Eulen dagegen hielten sich eher zurück und blieben lieber im Schatten.
Im Endeffekt waren die weißen Eulen erfolgreicher. Zwar trafen sie bei einzelnen Angriffen nicht öfter als ihre dunkleren Kollegen. Aber in mondhellen Nächten fingen sie insgesamt mehr Mäuse und brauchten dafür weniger Zeit. Die Forscher vermuten, dass das reflektierte Mondlicht auf dem weißen Gefieder die Beutetiere für einen Moment erstarren lässt. Dieser kurze Augenblick reicht offenbar, damit die lautlose Schleiereule zuschlagen kann. Dass eine Maus die Schleiereule kommen sieht, wird ihr also zum Verhängnis.