Was passiert, wenn der Mensch eines Tages von der Erde verschwindet? Ein Evolutionsbiologe der Universität Oxford hat einen überraschenden Favoriten für unsere mögliche "Nachfolge" – und der hat gleich acht Arme.
Menschenaffen? Zu naheliegend. Raben? Schlau, aber offenbar nicht die erste Wahl. Wenn es darum geht, welche Tiere nach einem möglichen Aussterben der Menschheit langfristig eine außergewöhnlich intelligente und vielleicht sogar zivilisationsähnliche Lebensform entwickeln könnten, setzt der Oxford-Zoologe Tim Coulson auf den Kraken.
Coulson ist Professor für Zoologie an der University of Oxford und beschäftigt sich unter anderem mit Evolution und den Veränderungen von Ökosystemen. In seinem 2024 erschienenen Buch "The Universal History of Us" zeichnet er die Entwicklung vom Urknall bis zum Menschen nach und beschäftigt sich mit der Frage, wie vorhersehbar unsere eigene Existenz überhaupt war. Seine Überlegungen zu einer Welt nach dem Menschen klingen allerdings fast wie Science-Fiction.
Kraken gehören zu den erstaunlichsten Tieren unseres Planeten. Sie können Probleme lösen, Gegenstände manipulieren, sich hervorragend tarnen und besitzen ein Nervensystem, das sich fundamental von unserem unterscheidet.
Ein großer Teil ihrer Nervenzellen befindet sich nicht zentral im Gehirn, sondern in den Armen. Gerade diese besondere Organisation ihres Nervensystems, ihre Anpassungsfähigkeit und ihre Fähigkeiten zur Problemlösung machen Kraken für Coulson zu vielversprechenden Kandidaten für eine Welt ohne Menschen.
Gegenüber "The European" ging der Oxford-Professor deshalb so weit zu sagen, Kraken könnten im Falle eines Aussterbens von Menschen und möglicherweise auch anderen Primaten tatsächlich eine Art Nachfolger werden: "They could become the brains of the sea." – also die "Gehirne der Meere".
Eigentlich würde man erwarten, dass Schimpansen, Bonobos oder andere Primaten irgendwann unseren Platz einnehmen. Schließlich sind sie unsere nächsten lebenden Verwandten. Coulson sieht allerdings Nachteile. Viele Primatenarten sind auf komplexe soziale Strukturen angewiesen, vermehren sich vergleichsweise langsam und leben in begrenzten Lebensräumen.
Bei drastischen Veränderungen der Umwelt könnte ihnen genau das zum Verhängnis werden. Kraken hingegen könnten durch ihre enorme Anpassungsfähigkeit unter bestimmten Bedingungen bessere Karten haben.
Genau hier wird Coulsons Gedankenspiel besonders spannend. Könnten sich Kraken über Millionen Jahre so weit entwickeln, dass sie Werkzeuge in noch komplexerer Form einsetzen, Strukturen errichten oder sogar eine Art Zivilisation bilden?
Theoretisch hält der Forscher erstaunliche Entwicklungen für denkbar. Gleichzeitig betont er, dass Evolution nicht planbar ist. Zufällige Mutationen, Umweltveränderungen, Katastrophen und das Aussterben anderer Arten können völlig neue Entwicklungswege eröffnen – oder sie für immer verhindern.
Ohne Skelett ist eine schnelle und effiziente Fortbewegung außerhalb des Wassers schwierig. Um tatsächlich auch terrestrische Lebensräume zu erobern, wären massive evolutionäre Veränderungen nötig. Coulson hält langfristig sogar Anpassungen für denkbar, mit denen Nachfahren heutiger Kraken außerhalb des Wassers besser zurechtkommen könnten.
So faszinierend die Vorstellung von intelligenten Kraken als Erben der Menschheit ist: Sie ist Spekulation und keine wissenschaftliche Prognose. Das macht auch Coulson selbst deutlich. Niemand kann vorhersagen, welchen Weg die Evolution über Millionen Jahre einschlagen würde.