Wer braucht schon einen Klettergarten, wenn er Arme wie ein Orang-Utan hat? Zum morgigen Welt-Orang-Utan-Tag zeigen die Borneo-Orang-Utans im Tiergarten Schönbrunn, wie man sich elegant in luftiger Höhe bewegt. Und dafür haben die tierischen Kletterprofis jetzt noch mehr Möglichkeiten bekommen.
Seit 2022 steht den Orang-Utans in Schönbrunn eine große Kletteranlage im Außenbereich zur Verfügung. Nun wurde das luftige Reich noch einmal erweitert: Robinienstämme, zusätzliche Seile und ein weiteres Baumnest sorgen für neue Wege, Aussichtsplätze und gemütliche Pausenstationen.
„Orang-Utans verbringen den Großteil ihres Lebens in den Bäumen.“Dr. Stephan Hering-HagenbeckTiergartendirektor
Die abwechslungsreiche Anlage soll den Tieren deshalb ermöglichen, möglichst viele ihrer natürlichen Verhaltensweisen auszuleben. Damit es an heißen Tagen in luftiger Höhe nicht zu schweißtreibend wird, werden vor allem die Ruheplätze beschattet und zusätzlich mit einer Nebelanlage gekühlt.
Für das Leben über dem Boden sind Orang-Utans bestens ausgestattet. Ihre Arme sind besonders lang und kräftig, die Daumen verkürzt – und ihre Füße funktionieren beinahe wie Hände. Damit lässt es sich nicht nur hervorragend von Stamm zu Stamm klettern, sondern auch ziemlich souverän auf Seilen balancieren.
Dass Übung früh beginnt, beweisen die beiden drei beziehungsweise vier Jahre alten Jungtiere. "Die Kleinen klettern schon wie die Großen", sagt Revierleiterin Sandra Keiblinger. Ganz auf Mamas Taxi verzichten möchten sie allerdings noch nicht. Die Jungtiere lassen sich weiterhin gerne von ihren Müttern tragen – schließlich ist so ein mütterlicher Rücken nicht nur praktisch, sondern auch ein sicherer Rückzugsort.
Auch das Männchen weiß, wann nach einer ausgiebigen Kletterpartie Feierabend ist: Für seine Pausen nutzt es gerne eines der Baumnester. Gleichzeitig bekommt sein Gesicht zunehmend jene markanten Züge, die erwachsene Borneo-Orang-Utan-Männchen unverwechselbar machen. Erste Ansätze der typischen Wangenwülste sind bereits zu erkennen.
So heiter das Treiben in den Baumkronen von Schönbrunn wirkt, der Welt-Orang-Utan-Tag hat einen ernsten Hintergrund. In ihrer Heimat auf Borneo und Sumatra sind alle Orang-Utan-Arten von der Ausrottung bedroht. Vor allem der Verlust und die Zerschneidung der Regenwälder setzen den Menschenaffen zu.
Die Schönbrunner Orang-Utans sollen deshalb auch Botschafter für ihre Verwandten in der Wildbahn sein. Mit dem Männchen, den jungen Weibchen und deren Nachwuchs hat der Tiergarten nach eigenen Angaben eine stabile Zuchtgruppe mit ausgewogener Altersstruktur aufgebaut.
Doch das Engagement endet nicht am Gehegezaun: Der Tiergarten Schönbrunn unterstützt auf Borneo auch das Projekt HUTAN. Dort werden unter anderem Waldkorridore geschaffen, die getrennte Lebensräume wieder miteinander verbinden, die Artenvielfalt fördern und Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren verringern sollen.
Und während daran gearbeitet wird, den Orang-Utans in ihrer Heimat wieder mehr zusammenhängenden Lebensraum zu ermöglichen, machen ihre Schönbrunner Artgenossen vor, wofür er dringend gebraucht wird: zum Klettern, Schwingen, Ausruhen – und natürlich für den besten Platz ganz oben.