Nach dem Ende der Zusammenarbeit mit dem Justizministerium schlägt die Deradikalisierungsstelle Derad Alarm. Die Betreuung von 250 Personen aus dem islamistischen und rechtsextremen Bereich wurde beendet – 90 davon befinden sich nach einer bedingten Entlassung derzeit auf Bewährung in Freiheit.
Das Justizministerium hatte die Kooperation mit Derad beendet, weil im Verein tätige Akteure Bezüge zur Ideologie der Muslimbruderschaft aufweisen sollen. Der Verein weist eine Nähe zur Muslimbruderschaft zurück.
Derad spricht nach dem Ende der Zusammenarbeit von einem "Sicherheitsrisiko" und bedauert den "Verlust von mehr als zehn Jahren praktischer Expertise in der Extremismusprävention".
Gerade bei der Deradikalisierung seien langfristige und stabile Betreuungsverhältnisse besonders wichtig. In den Justizanstalten würden Insassen nun nicht mehr durch Derad betreut. Auch eine "kritische Analyse der Schriften und Bücher in Justizanstalten" finde durch den Verein nicht mehr statt.
Dabei beschäftigte sich Derad nach eigenen Angaben nicht ausschließlich mit Islamismus. Rund 20 Prozent der betreuten Personen seien dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen gewesen.
Das Justizministerium bestätigte, dass Derad-Mitarbeiter ab sofort keinen Zugang mehr zu Justizanstalten haben. Einen Engpass bei der Betreuung von Inhaftierten und Haftentlassenen erwartet das Ministerium allerdings nicht.
Neben anderen Vereinen, die auf Deradikalisierung spezialisiert sind, sollen innerhalb der Gefängnisse interdisziplinäre Fachteams übernehmen. Diese bestehen unter anderem aus Fachkräften aus Psychologie und Sozialarbeit sowie Verbindungsbeamten und der Vollzugsleitung. Sie sollen notwendige Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Straftaten einleiten.
Noch nicht abschließend geklärt ist, wie es mit verurteilten Islamisten weitergeht, die bereits auf freiem Fuß sind und vom Gericht zur Teilnahme an einem Deradikalisierungsprogramm verpflichtet wurden.
Bei Personen, die Derad zugewiesen worden waren, könnten vereinbarte Termine wegfallen, wenn nicht rechtzeitig Ersatz gefunden wird. Rechtsvertreter befürchten, dass dies als Verstoß gegen gerichtliche Weisungen gewertet werden könnte.
Das Justizministerium erklärte dazu, der Bewährungshilfeverein Neustart sei gebeten worden, "die Gerichte im Rahmen der Bewährungshilfe über das Kooperationsende mit Derad bei jenen Straftäterinnen und Straftätern zu informieren, die es betrifft".
Derad widerspricht den Vorwürfen einer Nähe zur Muslimbruderschaft und erklärte, man habe vielmehr immer wieder vor dieser gewarnt.
"Deradikalisierung bedeutet die Anerkennung des säkularen, demokratischen Verfassungsstaates und einer pluralistischen Gesellschaft."
Gleichzeitig übt der Verein Kritik am Vorgehen von Innen- und Justizministerium: "Wir sind überrascht und verärgert, dass nach mehr als zehn Jahren Zusammenarbeit vor der öffentlichen Erhebung der Vorwürfe kein Gespräch mit uns gesucht wurde. Wir hätten zumindest die Möglichkeit erwartet, zu den konkreten Vorwürfen, die uns nicht einmal näher bekannt sind, Stellung nehmen zu können."
Neben dem Justizministerium hat auch die Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) ihre Zusammenarbeit mit Derad beendet. Seit 2024 hatte der Verein 30 Aufträge der Stadt Wien im Bereich der Extremismusprävention erhalten.
Seit Mai wurden Beratungsgespräche mit neun Jugendlichen geführt. Im vergangenen Schuljahr hielt Derad außerdem 79 Präventionsworkshops an Schulen und anderen Einrichtungen in Ostösterreich ab.
Der Verein kündigte trotz des Kooperationsendes an, seine fachliche Tätigkeit zu Extremismus, Radikalisierung und Deradikalisierung fortsetzen und weiterhin entsprechende Leistungen anbieten zu wollen. Die Website von Derad war am Montagmittag allerdings offline.