Der geleakte US-Friedensplan für die Ukraine schlägt weiter hohe Wellen – vor allem, weil es sich nicht um die erste Version handeln dürfte. Das nun öffentlich gewordene Papier umfasst 28 Punkte, doch laut einem renommierten Journalisten soll eine frühere Version sogar noch umfangreicher gewesen sein.
Der Journalist Christo Grozev, ehemaliger Russland-Rechercheur der Investigativplattform Bellingcat und jetzt für "The Insider" und dem "Spiegel" tätig, berichtet auf "X", er habe bereits vor einem halben Jahr von einem nahezu identischen Plan erfahren. Brisant ist, dass dieser ursprüngliche Entwurf aus 30 Punkten bestanden haben soll. Zwei davon fehlen jedoch in der aktuellen Fassung.
Laut Grozev habe der alte Plan einen Abschnitt enthalten, wonach US-Investoren die angeschlagene russische Wirtschaft stützen sollten – offenbar als Anreiz für den US-Präsidenten Donald Trump. Zudem sei eine US-russische Anti-China-Allianz vorgesehen gewesen, die unter religiösen Vorzeichen als "Christliche Allianz" beschrieben worden sei. Warum beide Passagen in der nun kursierenden Version nicht mehr vorkommen, ist unklar.
Grozev geht davon aus, dass die jetzt bekannte 28-Punkte-Liste nicht gemeinsam mit den USA erarbeitet wurde, sondern aus russischer Feder stammt. Das fügt sich in weitere Hinweise der vergangenen Tage: Der Plan soll in zentralen Punkten russischen Forderungen entgegenkommen und zugleich mehrere rote Linien überschreiten, die Kiew seit Langem als unverrückbar bezeichnet.
So sieht das Dokument unter anderem vor, dass die Ukraine große Gebiete im Osten an Russland abtritt, ihre Truppenstärke reduziert und auf einen NATO-Beitritt verzichtet.
Recherchen deuten darauf hin, dass der Plan ursprünglich aus dem Russischen übersetzt und auch von Russland selbst verbreitet wurde, berichtet "Focus". Zusätzlich berichten mehrere US-Abgeordnete von einem Telefonat mit US-Außenminister Marco Rubio.
Rubio sei "sehr offen" gewesen und habe "sehr deutlich gemacht", dass der 28-Punkte-Plan von einem Vertreter Russlands an Trumps Sondergesandten Steve Witkoff "übermittelt wurde", schildert der republikanische Senator Mike Rounds. "Es ist nicht unser Friedensplan".
Der Abgeordnete Angus King bestätigte die Aussagen von Rounds: "Der durchgesickerte 28-Punkte-Plan - der laut Außenminister Rubio nicht die Position der Regierung widerspiegelt - ist im Wesentlichen die Wunschliste der Russen, die nun den Europäern und Ukrainern vorgelegt wird".
Auch andere Länder sind aufgrund der widersprüchlichen Aussagen in den USA zur Urheberschaft des 28-Punkte-Plans skeptisch. Polens Regierungschef Donald Tusk äußerte sich auf "X" dazu: "Gemeinsam mit den Staats- und Regierungschefs Europas, Kanadas und Japans haben wir unsere Bereitschaft erklärt, trotz einiger Vorbehalte an dem 28-Punkte-Plan zu arbeiten. Bevor wir jedoch mit unserer Arbeit beginnen, wäre es gut, mit Sicherheit zu wissen, wer der Verfasser des Plans ist und wo er entstanden ist."
Wie berichtet, hat Rubio den Vorwurf zurückgewiesen, dass es sich um eine "Wunschliste" des Kremls handelt. Der Friedensvorschlag "wurde von den USA verfasst", erklärte Rubio. Der 28-Punkte-Plan werde "als starker Rahmen für die laufenden Verhandlungen angeboten" und basiere neben Beiträgen der russischen Seite "auch auf früheren und laufenden Beiträgen der Ukraine".