Europas Airlines und Flughäfen schlagen Alarm: In einem offenen Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fordern die Branchenverbände A4E, ACI Europe und IATA ein rasches Eingreifen beim neuen Schengen-Ein-/Ausreisesystem EES. Der Grund: An den Grenzkontrollen komme es laut den Verbänden bereits jetzt zu massiven Verzögerungen – in Spitzenzeiten seien Wartezeiten von bis zu fünf Stunden möglich.
Die Kritik kommt mitten vor der Hauptreisezeit. Für Juli und August erwarten Europas Flughäfen rund 40 Millionen Passagiere mehr als in den beiden Monaten davor. Ohne zusätzliche Flexibilität werde sich die Lage weiter verschärfen, warnen die Verbände.
Das EES soll die Außengrenzen des Schengen-Raums sicherer machen. Die Luftfahrtbranche betont, dass sie zwar die Ziele des Systems unterstützt. Die aktuelle Umsetzung führe aber zu "schweren operativen Konsequenzen" für Passagiere, Grenzbehörden, Flughäfen und Airlines.
Betroffen seien nicht nur große Drehkreuze. Auch kleinere Flughäfen in Tourismusregionen hätten Probleme. Passagiere müssten teils lange vor Terminalgebäuden oder auf dem Rollfeld warten, weil die Grenzchecks nicht schnell genug abgewickelt werden könnten. Airlines berichten von Verspätungen, verpassten Anschlüssen und Maschinen, die beim Boarding-Schluss halb leer seien, weil Reisende noch in der Grenzkontroll-Schlange stecken.
Die Verbände fordern von der EU-Kommission zwei Sofortmaßnahmen: Erstens sollen Mitgliedstaaten das EES im Juli und August vollständig aussetzen dürfen, wenn das Passagieraufkommen die Kapazitäten der Grenzkontrollen übersteigt. Zweitens soll bis September ein dauerhafter Flexibilitätsmechanismus geschaffen werden, mit dem Grenzbehörden das System in Ausnahmefällen vorübergehend pausieren können.
Dabei gehe es nicht um den Verzicht auf Grenzkontrollen. Stattdessen solle bei Bedarf wieder auf die klassischen Schengen-Kontrollen inklusive Passstempel umgestellt werden.
Scharfe Kritik üben die Verbände auch an der EU-Kommission. Diese habe in der "Financial Times" erklärt, EES sei voll funktionsfähig und lange Wartezeiten würden meist durch andere Faktoren wie konzentrierte Flugpläne entstehen. Die Luftfahrtbranche weist das zurück: Flugpläne seien lange im Voraus bekannt – ein System wie EES müsse auf Passagierzahlen, Spitzenzeiten und Reisesaisonen vorbereitet sein.
Die Verbände warnen zudem vor einem Imageschaden für Europa. Internationale Reisende könnten wegen drohender Grenzwartezeiten ihre Europareisen überdenken. Das gefährde Tourismus, Konnektivität und das Vertrauen in die europäische Regulierung.