Kinder sollen künftig zwei Jahre länger gemeinsam in der Volksschule lernen. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) startet dazu im nächsten Schuljahr einen Schulversuch mit einer sechsjährigen Volksschule. Teilnehmen können freiwillige Pilotschulen.
Damit fällt die Entscheidung zwischen Mittelschule und AHS nicht mehr mit zehn, sondern erst mit zwölf Jahren. Wiederkehr will Kindern dadurch mehr Zeit geben, ihre Stärken und Talente zu entwickeln und wichtige Grundkompetenzen zu festigen.
Der Minister argumentiert, dass viele Kinder mit zehn Jahren ihr Potenzial noch nicht vollständig entfaltet hätten. Zudem werde die weitere Schulwahl derzeit häufig stark vom sozialen und familiären Hintergrund beeinflusst. Längeres gemeinsames Lernen und eine kontinuierliche Förderung sollen deshalb für mehr Chancengerechtigkeit sorgen.
Pilotschulen können mit einem gesamten Jahrgang oder einzelnen Klassen teilnehmen. In der 5. und 6. Schulstufe, der neuen "Grundstufe III", bleiben die Kinder entweder am Volksschulstandort oder werden in Räumen einer kooperierenden AHS beziehungsweise Mittelschule unterrichtet.
Wiederkehr verteidigte am Sonntag in der ORF-Pressestunde seinen Schulversuch mit einer sechsjährigen Volksschule. Das derzeitige System trenne Kinder bereits mit zehn Jahren in unterschiedliche Bildungswege. "Das ist zu früh", sagt der Bildungsminister. In diesem Alter sei noch sehr viel Entwicklung möglich. Kinder sollten mehr Zeit bekommen, ihre Talente zu entdecken und zu entfalten. Die wichtige Entscheidung über den weiteren Bildungsweg solle deshalb erst mit zwölf Jahren fallen.
Eine derart große Änderung müsse allerdings zuerst getestet werden. Der Schulversuch sei daher bewusst freiwillig: Nur Schulen und Eltern, die teilnehmen wollen, machen mit. Wiederkehr spricht von einem "behutsamen Versuch".
Entscheidend werde sein, ob die sechsjährige Volksschule tatsächlich zu besseren Leistungen und mehr Chancengerechtigkeit führt. Erst wenn es dafür entsprechende Belege gebe, könne über weitere Schritte gesprochen werden. "Ich finde es wichtig, Dinge auszuprobieren: behutsam, bedacht, aber mit Evidenz", so Wiederkehr.
Am Interesse dürfte es jedenfalls nicht scheitern. Auf Nachfrage erklärte der Minister, dass sich bereits "mehr als genug" Schulen und Eltern für den Schulversuch gemeldet hätten.
Auch bei der Digitalisierung will Wiederkehr einen Kurswechsel. Früher habe das Motto "Je früher, desto besser" gegolten. "Das stimmt einfach nicht", stellt der Bildungsminister klar.
Gerade bei jüngeren Kindern müssten zunächst andere Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen: lesen und schreiben lernen, basteln und die körperliche Motorik entwickeln. Kinder sollten auch einfach "Kind sein - ohne Bildschirm".
Gleichzeitig müssten sie die Grundlagen der Digitalisierung kennenlernen. Entscheidend sei die richtige Reihenfolge: Zuerst brauche es grundlegende Fähigkeiten, um später gut und verantwortungsvoll mit digitalen Technologien umgehen zu können.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) sieht durch die neuerliche Personaldebatte in der SPÖ keine Gefahr für die Arbeit der Bundesregierung. "In der Regierung arbeiten wir weiter konsequent zusammen", betont er. Die Koalition habe eine Reformagenda, nun gehe es an die Umsetzung.
Personaldebatten innerhalb einer Partei seien zwar "immer lähmend". Auf die Zusammenarbeit mit der SPÖ habe die aktuelle Diskussion aus seiner Sicht aber keine Auswirkungen. "Wir arbeiten mit der Sozialdemokratie zusammen und das auch gut", so Wiederkehr.
Anfragen wegen möglicher Veränderungen an der SPÖ-Spitze habe es bisher nicht gegeben. Für Wiederkehr sei die Debatte derzeit spekulativ. Andreas Babler bleibe seine Ansprechperson: Mit ihm sei schließlich auch die Koalition vereinbart worden.
Wiederkehr sieht einen "riesigen Auftrag", allen Kindern die besten Möglichkeiten im Bildungssystem zu bieten. Ein Schwerpunkt liege dabei auf der deutschen Sprache. Erstmals werde es deshalb auch eine Sommerschule für Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen geben.
"Deutsch ist nicht optional, Deutsch ist Pflicht", betont der Bildungsminister. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse werde es keinen Bildungsaufstieg geben.
Dabei gehe es aber nicht darum, welche Sprache in den Familien gesprochen werde. "Kinder lernen schnell", so Wiederkehr. Sie könnten problemlos zwei, drei oder auch vier Sprachen gut lernen. Entscheidend sei daher nicht die Sprache zu Hause, sondern dass Kinder ausreichend Deutsch beherrschen.