Im nächsten Schuljahr wird es an freiwilligen Pilotschulen den Schulversuch einer sechs Jahre dauernden Volksschule geben. Details dazu hat Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) am Donnerstag präsentiert.
"Kinder brauchen Zeit, damit sich ihre Stärken und Talente entfalten. Heute entscheidet sich ihr Bildungsweg bereits in der vierten Klasse Volksschule – in einem Alter, in dem sich Interessen, Fähigkeiten und Persönlichkeit noch stark entwickeln. Die sechsjährige Volksschule gibt Kindern zwei Jahre mehr Zeit, ihre Stärken zu entfalten, Grundkompetenzen zu festigen und selbstbewusst ihren Weg zu finden", begründet er dieses Pilotprojekt.
Im Alter von zehn Jahren hätten viele Kinder ihr Potenzial noch nicht entfaltet und Lehrkräfte hätten zu wenig Zeit, Stärken zu erkennen und zu fördern. Die Wahl der weiteren Schulform hänge daher häufig stark vom sozialen und familiären Hintergrund und weniger von den tatsächlichen Leistungen und Interessen der Kinder ab.
Genau da soll die sechsjährige Volksschule ansetzen. Durch längeres gemeinsames Lernen, konstante Förderung, Individualisierung und kontinuierliche Begleitung würden Grundkompetenzen und Talente gefördert und es entstünde mehr Chancengerechtigkeit. Die soziale Herkunft soll den Bildungsweg der Kinder künftig weniger bestimmen als bisher, so die Hoffnung in den Schulversuch.
Wiederkehr sieht aber auch weitere Vorteile: So hätten Kinder durch eine längere Volksschule mehr Zeit, ihre Potenziale zu entdecken. Sie würden eine starke Klassengemeinschaft über sechs Jahre hinweg erleben, die Übergänge durch den Schulwechsel würden sanfter gestaltet und die Entscheidung zwischen Mittelschule und AHS erfolge später und passender. Der Druck am Übergang von der Volksschule in die Sekundarstufe I werde erheblich reduziert.
So soll der Versuch im Detail funktionieren: Die Volksschule wird an freiwilligen Pilotschulen auf sechs Jahre verlängert. Die Bildungswegentscheidung verschiebt sich damit auf das Alter von 12 Jahren. Volksschulen, die sich entscheiden, als Pilotschule freiwillig teilzunehmen, können dies mit einem ganzen Jahrgang oder auch mit einzelnen Klassen tun. Die am Schulversuch teilnehmenden Klassen werden in der 5. und 6. Schulstufe (die neue "Grundstufe III") entweder weiterhin am Standort der Volksschule oder in den Räumen der Kooperationsschule (AHS/MS) unterrichtet.
Für die Teilnahme am Schulversuch braucht es einerseits die Zustimmung der betroffenen Eltern und Lehrkräfte, andererseits eine gesicherte Kooperation mit einer nahe gelegenen Schule der Sekundarstufe I (AHS oder Mittelschule).
Volksschulen, Mittelschulen und AHS-Unterstufen arbeiten eng zusammen. Sie planen gemeinsam und verfolgen ein gemeinsames pädagogisches Konzept. Das bessere Übergänge für alle Beteiligten schaffen – Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte.
Einen besonderen Schwerpunkt wird der Unterrichtsgegenstand "Persönlichkeitsbildung" einnehmen, der in den ersten vier Jahren in alle Unterrichtsgegenstände eingewoben wird, in den beiden letzten Jahren aber als eigener Gegenstand von der Volksschullehrkraft als Klassenvorstand unterrichtet wird. Ziel ist hier, die Kinder in ihrer sozialen Entwicklung, ihrem Selbstvertrauen, ihrer Resilienz und in ihrer Vorbereitung auf den nächsten Bildungsabschnitt zu stärken.
„Die Frage, die im Mittelpunkt stehen muss: Was braucht ein Kind, damit es seine Stärken bestmöglich entfalten kann?“Christoph WiederkehrBildungsminister (Neos)
In allen drei Grundstufen ist die Volksschullehrkraft klassenführend. Ab der Grundstufe II wird das Lehrpersonenteam kontinuierlich durch Fachlehrkräfte erweitert. In der Grundstufe III bleibt die Volksschullehrkraft mit vier bis sieben Wochenstunden im Einsatz, unterrichtet den Gegenstand Persönlichkeitsbildung sowie weitere Gegenstände je nach Qualifikation, und sichert so die pädagogische und organisatorische Kontinuität.
"Die sechsjährige Volksschule bedeutet nicht einfach zwei Jahre mehr Volksschule – sie bedeutet einen neuen pädagogischen Weg. Kinder wachsen schrittweise in die Anforderungen der Sekundarstufe hinein, ohne dass dabei vertraute Beziehungen und stabile Lernumgebungen verloren gehen. Volksschule, Mittelschule und AHS arbeiten dafür enger zusammen und begleiten jedes Kind kontinuierlich. So schaffen wir mehr Zeit für individuelle Förderung, für Persönlichkeitsentwicklung und für die Frage, die im Mittelpunkt stehen muss: Was braucht ein Kind, damit es seine Stärken bestmöglich entfalten kann?", so der Bildungsminister abschließend.