Martin Kocher (53) ist seit September 2025 als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) sozusagen Österreichs oberster Geldwächter. Im "Heute"-Interview spricht der frühere Arbeits- und Wirtschaftsminister über Konjunktur und Preisschocks, den Fahrplan zum digitalen Euro als "Zwilling" des Bargelds, nicht dessen Ersatz.
Und Kocher spricht Klartext zu Themen, die in Österreich größerer Reformen harren. Länger arbeiten? Ja, dafür brauche es "die richtigen Anreize und auch einen Kulturwandel", erklärt Kocher. Erhöhung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters? "Man sollte nichts grundsätzlich ausschließen", sagt er. Mehr Arbeitsstunden? Mehrere hunderttausend Teilzeit-Beschäftigte hätten "keine klar erkennbare zeitliche Einschränkung " und daher Potenzial für Vollzeit, so Kocher.
"Heute": Herr Gouverneur, Sie stehen jetzt seit gut einem Jahr an der Spitze der Nationalbank. Ihre Bilanz?
Martin Kocher: Es war ein durchaus herausforderndes Jahr. Ende 2025 sah es noch nach einer wirtschaftlichen Erholung aus, die Inflation im Euroraum lag bei rund zwei Prozent, in Österreich ab Jahresbeginn 2026 ebenfalls. Dann kam der Krieg im Iran und damit ein neuer Preisschock. Solche Entwicklungen sind für die Geldpolitik besonders schwierig, da die Europäische Zentralbank die Energiepreise natürlich nicht unmittelbar steuern kann.
"Heute": Die Inflation liegt wieder über drei Prozent. Was kann dagegen getan werden?
Kocher: Die Politik kann besonders betroffene Gruppen gezielt und zeitlich begrenzt entlasten. Aber solche externen Preisschocks kann kein Staat vollständig ausgleichen.
"Heute": Die Mehrwertsteuer auf einige Grundnahrungsmittel wurde gesenkt. Bringt das etwas?
Kocher: Ja, aber der Effekt ist überschaubar. Nach unseren Schätzungen hat die Maßnahme die Inflation um etwa 0,1 Prozentpunkte gesenkt.
"Heute": Sprit ist derzeit extrem teuer. Was halten Sie von Preiseingriffen?
Kocher: Besonders belastet sind Menschen, die auf das Auto angewiesen sind, etwa Pendler. Entlastungen sollten möglichst zielgerichtet sein. Gleichzeitig darf man das Preissignal nicht völlig ausschalten. Wenn ein Gut knapp ist, muss sich das auch im Preis zeigen. Entlastung sollte daher bei Abgaben ansetzen, die nicht von der Fahrleistung abhängen, etwa mit einem fixen Entlastungsbetrag bei der motorbezogenen Versicherungssteuer oder bei besonders Betroffenen über den Pendlereuro bzw. das Pendlerpauschale, statt bei den Treibstoffpreisen selbst.
"Heute": Ist eine Senkung der Mineralölsteuer sinnvoll?
Das ist eine Möglichkeit, aber nicht unbedingt die zielgerichtetste. Wichtig ist: Besonders Betroffene sollten entlastet werden, ohne den Markt außer Kraft zu setzen. Und man darf nicht vergessen, dass einmal eingeführte Entlastungen politisch oft sehr schwer wieder zurückgenommen werden können.
„Verfügbar soll der digitale Euro 2029 im gesamten Euroraum sein, mit Pilotprojekten – auch in Österreich – bereits davor.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
"Heute": Kommen wir zu einem Großprojekt der Europäischen Zentralbank für uns alle. Wann startet der digitale Euro?
Kocher: Das Projekt liegt im Zeitplan. Ein letztes EU-Gesetz muss in den nächsten Monaten beschlossen werden, danach ist der Weg für die Umsetzung frei. Verfügbar soll der digitale Euro 2029 im gesamten Euroraum sein, mit Pilotprojekten – auch in Österreich – bereits davor.
"Heute": Was bringt er den Menschen?
Kocher: Der digitale Euro ist der Zwilling des Bargelds, kein Ersatz dafür. Er soll eine europäische Alternative für digitale Zahlungen schaffen. Heute läuft der digitale Zahlungsverkehr inklusive zugehöriger Zahlungsdaten der Menschen in Österreich fast vollständig über nicht-europäische Infrastruktur. Mit dem digitalen Euro werden wir unabhängiger und haben gleichzeitig mehr Wettbewerb, was zu geringeren Kosten führen wird.
"Heute": Aber Bargeld bleibt fix bestehen?
Kocher: Ja. Jeder kann selbst entscheiden, ob er den digitalen Euro nutzt oder nicht. Wer bar zahlen will, wird das weiterhin können. Bargeld bleibt garantiert, und eine Bargeldannahmepflicht ist im EU-Gesetzentwurf auch vorgesehen.
„Wer bar zahlen will, wird das weiterhin können. Bargeld bleibt garantiert.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
"Heute": Was ist bei einem Stromausfall mit dem digitalen Euro?
Kocher: Bargeld bleibt natürlich die wichtigste Absicherung. Der digitale Euro soll aber auch eine Offline-Funktion bekommen. Solange das Handy noch Akkuladung hat, sollen damit für eine gewisse Zeit ebenfalls Zahlungen möglich sein.
"Heute": Stichwort strukturelle Reformen für Österreich. Ein großer Brocken sind die Pensionen. Können wir uns das heutige System langfristig leisten?
Kocher: Die Pensions- und Gesundheitsausgaben steigen durch die Alterung der Bevölkerung deutlich. Deshalb muss das tatsächliche Pensionsantrittsalter rasch näher an das gesetzliche heranrücken. Es geht darum, dass Menschen länger gesund arbeiten können und auch die Anreize dafür stimmen. Damit wäre für die Volkswirtschaft bereits viel gewonnen.
„Mit 60 oder 62 einen neuen Job zu beginnen, sollte völlig normal sein.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
"Heute": Wer mit über 55 den Job verliert, findet aber oft schwer wieder Arbeit…
Kocher: Wir müssen ältere Arbeitnehmer besser im Arbeitsmarkt halten. Da braucht es die richtigen Anreize und auch einen Kulturwandel. Mit 60 oder 62 einen neuen Job zu beginnen, sollte völlig normal sein.
"Heute": Aber muss das gesetzliche Pensionsalter irgendwann über 65 steigen?
Kocher: Man sollte nichts grundsätzlich ausschließen. Es gibt bei umlagefinanzierten Pensionssystemen drei große Stellschrauben: das Antrittsalter, die Beiträge und die Höhe der Pensionen. Entscheidend ist auch, wie stark unsere Wirtschaft wächst: Je mehr Wachstum, desto mehr Spielraum bei den Pensionen.
"Heute": Österreichs Wirtschaft wächst nur noch um etwa ein Prozent. Warum?
Kocher: Ein Teil des früheren Wachstums kam aus Bevölkerungswachstum, das nun schwächer ausfällt. Zusätzlich ist die Produktivität zuletzt sogar geschrumpft – bedingt durch gesunkene Arbeitsstunden, schwächere Umsetzung von Forschung in marktfähige Produkte, einen weniger dynamischen Welthandel und zu wenig Wachstumskapital für Unternehmen in Europa. Anders als in den USA fehlt es an Kapital, das rasch wachsenden Firmen zum Durchbruch verhilft – viele wandern deshalb in die USA ab.
„Bei rund einem Drittel der Teilzeitbeschäftigten in Österreich ist keine klar erkennbare zeitliche Einschränkung gegeben – hier schlummert ein Potenzial von mehreren hunderttausend Personen.“Martin KocherNationalbank-Gouverneur
"Heute": Sie sprechen gesunkene Arbeitsstunden an – arbeiten die Österreicher zu wenig?
Kocher: Teilzeit ist oft sinnvoll begründet (Weiterbildung, Betreuungspflichten), doch bei rund einem Drittel der Teilzeitbeschäftigten in Österreich ist keine klar erkennbare zeitliche Einschränkung gegeben – hier schlummert ein Potenzial von mehreren hunderttausend Personen.
"Heute": Braucht es mehr Anreize für Vollzeitarbeit?
Kocher: Arbeit muss sich lohnen. Gerade gut ausgebildete Fachkräfte kommen bei zusätzlichen Arbeitsstunden relativ rasch auf eine hohe steuerliche Zusatzbelastung. Das wird Österreich seit Langem als Schwachpunkt vorgehalten.
"Heute": Sie setzen große Hoffnungen in Künstliche Intelligenz (KI). Warum?
Kocher: KI hat natürlich Risiken, aber bietet auch große Chancen. Sie kann Arbeitnehmer produktiver machen und damit das Wachstum stärken. Entscheidend ist, dass wir sie rasch und sinnvoll einsetzen. Europa war bei neuen Technologien zuletzt zu zurückhaltend. Wir müssen dafür sorgen, dass neue große Technologieunternehmen künftig auch bei uns entstehen und nicht nur in den USA oder China.
"Heute": Wird KI nicht massenhaft Arbeitsplätze vernichten?
Kocher: Ich halte diese Horrorszenarien für unangebracht. Manche Tätigkeiten werden wegfallen, gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze. Das war bei technologischen Umbrüchen immer so. Und oft verschwinden zuerst Arbeiten, die ohnehin wenig beliebt sind.